Bucheinband des Generalbebauungsplans der Landeshauptstadt "Karlsruhe in Baden", 1926.

Der Generalbebauungsplan 1926

Stadtplanung als modernes Instrument für die Stadtentwicklung nahm ihren Anfang in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Das Badische Ortsstraßengesetz von 1868 ermöglichte die Festlegung von Fluchtlinienplänen, Vorläufer der heutigen Bebauungspläne für einzelne Baugebiete. Die Probleme in den Großstädten verlangten aber nach Konzepten für die Regulierung der Bebauung im gesamten Stadtgebiet. Seit der Jahrhundertwende erkannten viele Stadtplaner - damals waren es meist Tiefbau- oder Vermessungsingenieure - diese Notwendigkeit. Die so entstandenen Generalbebauungspläne können als Vorläufer der heutigen Flächennutzungspläne angesehen werden. Der Flächennutzungsplan regelt für das gesamte Gemeindegebiet in Grundzügen die Nutzung des Bodens zum Beispiel durch Wohn-, Industrie-, Erholungs- und Verkehrsflächen für einen Planungszeitraum von ungefähr 10 bis 15 Jahren.

So legte der damalige Baubürgermeister Hermann Schneider 1926 dem Karlsruher Bürgerausschuss einen Planentwurf mit einer umfangreichen Ermittlung der damaligen Verhältnisse im Wohnungs- und Verkehrswesen wie in der Wirtschaft vor. Die räumliche Entwicklung Karlsruhes und seiner Nachbargemeinden war für die nächsten 50 Jahre vorgedacht. Die Konzeption über die Karlsruher Stadtgrenzen hinaus zeugt von einem weitsichtigen, damals noch seltenen Verständnis für die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Planung in einem Verdichtungsraum. Die bauliche Entwicklung Karlsruhes wurde vor allem in Richtung Südwesten gesehen (Grünwinkel, Oberreut). Dazu sollten die einschnürenden Bahnanlagen der Maxau-Bahn und des heutigen Westbahnhofs mit dem Industriegebiet Bannwaldallee aufgegeben werden. Die Planer schlugen als Industrieschwerpunkt die Zone im Nordwesten der Stadt vor. Mit der Anlage der Raffinerien ist ein Teil dieses Vorschlages bereits verwirklicht. Die Eisenbahnumfahrung sollte im Norden der Stadt durch den Hardtwald geführt werden. Da der bestehende Hauptbahnhof dadurch zum Kopfbahnhof geworden wäre, entstand die Idee für einen neuen Hauptbahnhof zwischen Karlsruhe und Durlach.

Der Karlsruher Planentwurf scheiterte als Gesamtkonzeption an der unrealistischen Planung der Eisenbahnanlagen. Eine wenig kooperative Eisenbahnverwaltung hatte die Stadt alleine gelassen bei der Lösung wichtiger Probleme. Der Plan blieb auch wegen der fehlenden reichsgesetzlichen Grundlagen nur Entwurf. Einzelprojekte des Planes wurden aber auf den Weg der Realisierung gebracht. So ist der Adenauerring mit den Sportanlagen im Hardtwald heute ein selbstverständliches Element im Gefüge dieser Stadt. Schon damals erstellte die Stadtverwaltung Sanierungsvorschläge für die Altstadt. Im Sommer 1929 öffnete das Rheinstrandbad mit seinem vielfältigen Freizeitangebot seine Pforten; im Herbst präsentierte sich die Ausstellung Gebrauchswohnung im Dammerstock als der erste Bauabschnitt einer neuen Siedlung, die in Fachkreisen bis heute als ein Beispiel des Neuen Bauens in der Weimarer Republik große Aufmerksamkeit findet. Die Wirkung des Plans reichte bis in die 1950er-Jahre. Denn einzelne Aussagen des Entwurfs wurden, wenn auch oft in veränderter Form durch Bebauungspläne (Oststadt/Rintheim, Dammerstock) in die Realität umgesetzt. Erst der 1961 vorgestellte Verkehrslinienplan und der Vorläufige Flächennutzungsplan lösten als gesamtstädtische Konzeptionen den Entwurf von 1926 ab.

Harald Ringler 2015

Quelle

Generalbebauungsplan der Landeshauptstadt Karlsruhe, Karlsruhe 1926, http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/literatur/literatur/generalbebauungsplan.de (Abruf am 29. Juni 2016).

Literatur

Harald Ringler: Stadtplanung in Karlsruhe von 1835 bis 1985, in: Leben in der Fächerstadt. 275 Jahre Karlsruhe, Karlsruhe 1996, S. 49-76 (= Karlsruher Beiträge Bd. 6); ders: Der Karlsruher Generalbebauungsplan 1926: ein Entwurf zur langfristigen Stadtentwicklung, in: Blick in die Geschichte. Karlsruhe stadthistorische Beiträge Bd. 1, hrsg. von Manfred Koch und Leonhard Müller, Karlsruhe 1994, S. 181-186 http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/literatur/stadtarchiv/HF_sections/content/ZZmmClZIBeTmnA/Blick%20in%20die%20Geschichte%201988-1993.pdf (Zugriff am 4. August 2016); Harald Ringler: Planen und Bauen in Karlsruhe 1918 bis 1933, in: Ernst Otto Bräunche, Frank Engehausen und Jürgen Schuhladen-Krämer (Hrsg.): Aufbrüche und Krisen. Karlsruhe 1918-1933, Karlsruhe 2020, S. 247-275 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 35).