Stephanienbad, um 1920, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVe 19.

Stephanienbad (heute Evangelisches Gemeindezentrum Paul-Gerhardt)

1780 errichtete der Karlsruher Werkmeister Joseph Berckmüller an der Alb in Beiertheim ein Badehaus. 1805 brannte dieses nieder. Daraufhin erwarb Andreas Marbe, Wirt des dortigen Gasthauses "Zum [goldenen] Hirsch", das Anwesen und eröffnete am 12. Juni 1807 eine neue, um ein Warmbad und ein künstlich angereichertes Kurbad erweiterte Badeanstalt. Neben der Anlage ließ er eine Hütte errichten, die als Tanzlokal diente. Da sich die Lokalität, auch seitens der Karlsruher Bevölkerung, großer Beliebtheit erfreute, ließ er den primitiven Gast- und Tanzraum von 1809-1811 durch ein stattliches, von Friedrich Weinbrenner im klassizistischen Stil entworfenes Gesellschaftshaus ersetzen. Der dreigeschossige Bau barg im ersten Obergeschoss einen großen Tanzsaal, der atriumartig das zweite Obergeschoss einbezog. Die Korridore vor den im zweiten Obergeschoss gelegenen Gesellschaftszimmern sowie der kleinere Tanz- und Speisesaal waren als Galerien ausgebildet, von denen man das Treiben auf der großen Tanzfläche beobachten konnte. Mit Genehmigung von Großherzogin Stephanie wurde das Anwesen 1817 nach ihr benannt.

Aus finanziellen Gründen verkaufte Marbe 1827 das Gesellschaftshaus und führte nur den Badebetrieb bis zu seinem Tod 1832 weiter. Der Weinbrennerbau wurde nach und nach zum Mietshaus mit bis zu 15 Wohneinheiten umfunktioniert. 1880/81 erwarb der Schmied Karl Knurst das gesamte heruntergewirtschaftete Anwesen einschließlich des Weinbrennerbaus. Zunächst baute er die vorhandene Wäscherei zu einem lukrativen Betrieb aus, dann renovierte und erweiterte er die Badeanstalt um 32 Einzelkabinen mit Duschwannen und verschiedene Bassins und bewirtschaftete auch wieder das ehemalige Gesellschaftshaus.

Wegen des neuen Hauptbahnhofs musste 1905 die gut gehende Bade- und Waschanstalt, die seit 1903 als Erstes Karlsruher Licht-, Luft- und Sonnenbad firmierte, geschlossen werden. Der Weinbrennerbau, der vom ehemaligen Stephanienbad übrig geblieben war, fristete nur noch ein klägliches Dasein. Nach dem Ersten Weltkrieg ging das Gebäude in den Besitz der Stadt Karlsruhe über, die es 1926 an die evangelische Kirchengemeinde verpachtete, die es als Gotteshaus nutzte. 1929 wurde die Diasporagemeinde Beiertheim/Bulach einschließlich Weiherfeld und Dammerstock zur Melanchthonpfarrei erhoben. Im Tausch mit dem für Aufmärsche geeigneten Schmiederplatz und einer Summe von 300.000 RM konnte die Gemeinde das Gebäude zum 1. Januar 1942 von der NSDAP erwerben (Kaufurkunde: 13. Juni 1944). Bei einem Luftangriff am 4. Dezember 1944 wurde der Bau schwer getroffen. Von 1950-1956 erfolgte sein Wiederaufbau mit neuer Raumeinteilung. Das Wachsen der Stadtteile führte zur Erhebung neuer Pfarreien. Weiherfeld und Dammerstock gehören seit 1947 zur Friedenspfarrei, Beiertheim und Bulach bilden seit 1. Juli 1957 die Paul-Gerhardt-Pfarrei, der am 10. November 1957 das Stepanienbad als Gotteshaus übergeben wurde.

Von 1997-1999 wurde der Bau durch das Architekturbüro Ruser + Partner saniert und Weinbrenners ursprüngliche Gebäudestruktur wiederhergestellt. Indem die hölzerne Dachkonstruktion freigelegt wurde, entstand der Eindruck eines basilikalen Raumes, dessen Ostseite von großen Rechteckfenstern und einem halbkreisförmigen Fenster im Giebelfeld durchbrochen ist. Neben dem Kirchenraum beherbergt das ehemalige Stephanienbad Versammlungs-, Begegnungs- und Gruppenräume, das Pfarrbüro, den "Rittersaal" sowie das Büro des Bürgervereins Beiertheim. Außer zu Gottesdienstzwecken dient der große Saal kulturellen Veranstaltungen. Das Gebäude ist Denkmal nach § 28 Übergangsregelung Denkmalschutzgesetz.

Katja Förster 2013

Quelle

Datenbank der Kulturdenkmale https://web1.karlsruhe.de/db/kulturdenkmale/detail.php?id=01820 (Zugriff am 3. November 2017).

Literatur

Birgit Sauer-Löffler: Vom Gesellschaftshaus zur Kirche. Das Stefanienbad im Spiegel der Zeiten, in: Hier ist ein neues Leben los. Stephanienbad – Paul-Gerhardt-Gemeinde. 175 Jahre Geschichte eines Hauses, Karlsruhe 1987; Hansfrieder Zumkehr: Stephanienbad, http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/kulturdenkmale/denkmaltag_archiv/denkmaltag_2005/beiertheim/stephanienbad.de (Zugriff am 28. März 2013); Stefanie Linder: Das Stephanienbad. Geschichte eines Hauses und die Entstehung der Paul-Gerhardt-Gemeinde, hrsg. vom Bürgerverein Karlsruhe Beiertheim e.V., http://www.beiertheim.de/beiertheimer-historie/#Stephanienbad (Zugriff am 28. März 2013)); Beiertheim. Streifzüge durch die Ortsgeschichte. 900 Jahre Beiertheim, hrsg. vom Stadtarchiv Karlsruhe und dem Bürgerverein Beiertheim durch Peter Pretsch, Karlsruhe 2010, S. 23f.