Das Rathaus um 1912, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 776.
Das Rathaus vor 1940, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Bildstelle III 1828.
Das Rathaus 1967, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA V V 2581.

Rathaus Karlsruhe

Das 1728 an der Nordwestecke des Marktplatzes erbaute Rathaus, bei dem sich Mehlwaage, Korn- und Kaufhaus im Erdgeschoss, Fleischbänke und Feuerhaus im Hof befanden, war gegen Ende des 18. Jahrhunderts so baufällig geworden, dass die Stadtverwaltung 1804 trotz knapper Finanzmittel einen Neubau südlich der Querstraße (heute Zähringerstraße) beschloss. Baudirektor Friedrich Weinbrenner, der schon 1797 einen „General-Bauplan für den Marktplatz“ vorgelegt hatte, dessen südlicher Teil von der neuen Stadtkirche und dem neuen Rathaus gefasst werden sollte, wurde mit der Planung betraut. Seine ursprüngliche Konzeption, eine Vierflügelanlage mit Mittelbau, sollte weitgehend umgesetzt werden.

Bis 1812 entstand in zwei Bauabschnitten der nördliche Trakt der Anlage mit den Korn- und Mehlhallen am Marktplatz, den Fleischbänken längs der Zähringerstraße, Lager- und Magazinräumen, dem Feuerhaus und einer Wachstube mit Arrestzellen im Nordwesten. Danach stagnierten die Bauarbeiten bis 1821, obwohl das alte Rathaus im Februar 1812 abgebrochen worden war und der Stadtrat von nun an seine Sitzungen und Versammlungen in angemieteten Räumen und Gasthäusern abhalten musste. Erst eine 1820 eingeführte Verkehrssteuer ermöglichte es der Stadt, die den Großteil der Kosten zu tragen hatte, den Komplex bis 1825 fertigzustellen.

Im Frühjahr 1821 legte Weinbrenner einen letzten Planentwurf vor, der von städtischer und staatlicher Seite genehmigt wurde. Dieser zeigte den eigentlichen, um zwei kleinere Innenhöfe gruppierten Rathaustrakt als dreigeschossigen Bau. Der Mittelbau, welcher den Haupteingang am Marktplatz aufnimmt, erschien nun durch seine Gliederung mit Pilastern, ionischen Säulen, Loggia und Dreiecksgiebel wie eine römische Tempelfront auf hohem Sockel; die leicht vorspringenden Seitenbauten wiederholten das Motiv in vereinfachter Form. In axialer Verlängerung erhob sich im Westen der 51 Meter hohe Rathausturm, in dem das Amtsgefängnis untergebracht war und auf dessen Ausführung Weinbrenner als Pendant zum gegenüberliegenden Kirchturm bestanden hatte. Ein von Bildhauer Alois Raufer entworfener Merkur zierte die Turmspitze. Am 28. Januar 1825 wurde das Gebäude feierlich seiner Bestimmung übergeben.

Im Erdgeschoss des Rathauskomplexes waren vor allem die für den Handel wichtigen Räume untergebracht: Im Südflügel das Lagerhaus mit dem westlich anschließenden Zollamt, im Nordflügel der Fruchtmarkt, im inneren Querriegel die Mehlwaage und im Nordwestflügel das Spritzenhaus. Das Obergeschoss dagegen war den vom Stadtamt und der Stadtverwaltung benötigten Räumen vorbehalten. Hier befanden sich auch der Stadtrats-, der Bürgersaal und das städtische Leihhaus mit Versteigerungssaal.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts vergrößerte sich nicht nur der Verwaltungsaufwand, sondern veränderten sich auch die an den Bau gestellten Anforderungen, so dass es immer wieder zu Teilaufbauten und inneren Umbauten kam. Außerdem hatte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert, der Endphase des Historismus, das Stilempfinden gewandelt. Zur Bereicherung der als nüchtern wahrgenommenen Fassade wurden 1900 monumentale Bronze-Allegorien der „Badenia“ und „Fidelitas“ am Haupteingang aufgestellt und zwischen 1904-1907 die drei Giebelfelder mit figürlichen Reliefs und die Loggia mit Historienbildern versehen.

Das Karlsruher Rathaus rückte bereits im 19. Jahrhundert während der Revolution 1848/49 in den Mittelpunkt des politischen Geschehens im Großherzogtum Baden. Nach der Flucht des Großherzogs vor den badischen Revolutionären hielt der Landtagsabgeordnete Lorenz Brentano auf dem Balkon des Karlsruher Rathauses eine Rede nach dem Einzug des Landesausschusses der Volksvereine. Diese Aufmerksamkeit erhielt das Rathaus wieder während der Revolution von 1918/19, als hier im November 1918 Räte und Vorläufige Volksregierung tagten und die Weichen für das demokratische Baden der Weimarer Republik stellten.

Beim Luftangriff am 27. September 1944 wurde das Rathaus größtenteils zerstört. 1948 bis 1955 wurde der Gebäudekomplex nach Plänen von Otto Haupt wiederaufgebaut. Da man bereits 1946 entschieden hatte, das klassizistische Stadtzentrum zu erhalten, wurden seine Schauseiten am Marktplatz rekonstruiert, das innere Raumprogramm aber modernisiert. Am 31. Oktober 1955 fand die erste Stadtratssitzung im Bürgersaal des neuen Rathauses statt. Von 1963-1966 wurde das Rathaus, das bis heute Sitz der Stadtverwaltung mit ihren sechs Dezernaten ist, nach Norden um das Technische Rathaus, Eingang Lammstraße, erweitert. Eine weitere Erweiterung nach Westen erfolgte 1993 auf dem Areal des 1944 bei einem Luftangriff zerstörten Café Bauer, die auch Raum für eine Ladenpassage und einen weiteren Zugang zu Karstadt bietet.

Katja Förster 2020

Literatur

Arthur Valdenaire: Friedrich Weinbrenner. Sein Leben und seine Bauten, 4. Aufl., Karlsruhe 1985, S. 233-251; Stadtverwaltung Karlsruhe (Hrsg.): Das Karlsruher Rathaus. Erbaut 1805-1825 von Friedrich Weinbrenner, kriegszerstört 27.9.1944, wiederaufgebaut 1948/55, Karlsruhe [1955]; Gottfried Leiber: Friedrich Weinbrenners städtebauliches Schaffen für Karlsruhe, Teil II. Der Stadtausbau und die Stadterweiterungsplanungen 1801-1826, Mainz 2002 (= Friedrich Weinbrenner und die Weinbrenner-Schule Bd. 2.2).