Siemens Karlsruhe
Die 1847 von Ernst Werner von Siemens und Johann Georg Halske in Berlin gegründete Firma Siemens & Halske war erst Ende des 19. Jahrhunderts in Karlsruhe präsent, als die badische Haupt- und Residenzstadt 1893 die erste Generalvertretung in Baden bekam. Geleitet wurde sie von dem in der Belfortstraße 16 wohnhaften Ingenieur Ludwig Kabisch. 1897 zog dieser in die Leopoldstraße 13, wo er noch 1900 im Adressbuch als Generalvertreter geführt wird. Im folgenden Jahr ist dort nur noch ein Technisches Bureau von Siemens & Halske genannt. Die Firma Siemens sieht deshalb das Jahr 1900 als Gründung von Siemens-Karlsruhe an – das Adressbuch 1901 zeigt den Stand Ende 1900. Kabisch wird wieder als "Civilingenieur" in der Belfortstraße 16 genannt, er hatte also offensichtlich die Generalvertretung verloren. 1903 ist die Firma in der Belfortstraße 3 gemeldet. Nach der Fusion des Starkstrombetriebes Elektrizitäts AG vormals Schuckert & Co mit der Starkstromabteilung von Siemens & Halske & Co. (Nürnberg) im Jahre 1903 zu den Siemens-Schuckertwerken wurde die badische Zweigniederlassung des neu entstandenen Unternehmens Rheinische Siemens-Schuckertwerke GmbH 1904 nach Mannheim verlegt. In Karlsruhe verblieb ein Unterbüro.
Nach dem Ersten Weltkrieg befanden sich das Büro von Siemens & Halske und ein Laden der Schuckertwerke in der Bahnhofstraße 3, später kamen die Häuser Nr. 5 und 7 hinzu, wo sie bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieben.
Am 5. September 1945 beantragte die nach wie vor in der Bahnhofstraße mit einem Technischen Büro, Montage und Vertrieb elektrotechnischer Geräte ansässige Firma Siemens & Halske die Erlaubnis zur Wiederaufnahme des Betriebes, die dann allerdings erst im April des Folgejahres erteilt wurde. Am 24. August 1946 erhielt die Firma Siemens & Halske auch die Genehmigung, ihr dortiges Wernerwerk von Erlangen, das nach dem Krieg als ein Standbein von Siemens im Westen ausgebaut worden war, in das ehemalige Blickergebäude, vormals "Wohlfahrtgebäude" der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) zu verlegen. Schon Mitte 1946 hatte es erste Kontakte mit Siemens/Erlangen gegeben, von wo gleich besonderes Interesse am Blickergebäude für die Fabrikation von Rundfunkgeräten, elektro-akustischen Geräten und Schwachstrombauelementen mit 700 in Aussicht gestellten Arbeitsplätzen bekundet wurde. Obwohl das Gebäude auch für andere Nutzungen in Frage kam, unter anderem als Lazarett der amerikanischen Militärverwaltung, fiel die Entscheidung für die Ansiedlung in Karlsruhe, die bald der größte Industriebetrieb wurde und als "der bedeutendste industrielle Zuwachs" der Stadt galt. Ende 1947 verließen die ersten 1.000 Rundfunkgeräte das Wernerwerk für Radiotechnik. 1948 folgte dann das Wernerwerk für Messtechnik aus Erlangen. Schon im folgenden Jahr arbeiteten dort knapp 2.000 Beschäftigte, davon 27 Prozent Flüchtlinge, die die Stadt in der unmittelbaren Nachkriegszeit in großer Zahl hatte aufnehmen müssen.
Für die Verlagerung von Erlangen nach Karlsruhe sprachen Siemens-verwandte Produktionsstätten in der Nähe und die Technische Hochschule (TH). "Die Welt" vom 28. Oktober 1949 berichtete, dass Siemens nun endlich eine neue Heimat gefunden habe.
1950 legte die Firma eine Denkschrift "Die Siemens & Halske AG in Württemberg-Baden" vor mit dem Ziel, die Unterstützung des Landes und der Banken für den weiteren Ausbau zu bekommen. In Württemberg-Nordbaden beschäftigte Siemens 4.200 Personen, die sich nun zu 15 Prozent aus der alten Siemensbelegschaft in Berlin und anderen Produktionsstätten, zu 70 Prozent aus ortsansässigen Neueinstellungen und zu 15 Prozent aus Flüchtlingen zusammensetzte. Die Zahl der Beschäftigten sollte nach dem geplanten Ausbau noch einmal deutlich steigen, allein für Karlsruhe wurden 4.000 angekündigt.
1948 hatte Siemens ein fast 270.000 Quadratmeter großes Gelände in Knielingen erworben, von dem 40.000 Quadratmeter als Baugelände vorgesehen waren - die Firma hatte dort bereits 1943 ein 26 Hektar großes Grundstück gekauft. Nachdem das Land einen Kredit von zwei Millionen DM und die Banken nach Absicherung durch das Land weitere vier Millionen bewilligt hatten, konnte im August 1950 mit dem Bau begonnen werden. In Karlsruhe wurde ein bedeutender Teil der Siemens Messtechnik angesiedelt, die Wärmetechnik und die Schalltafelinstrumente, Präzisionsinstrumente und Osziloskope verblieben in Berlin. Karlsruhe sollte dabei in der Lage sein, die Berliner Produktion teilweise oder ganz zu übernehmen, wenn der Berliner Standort einmal ausfallen sollte, was angesichts der Insellage der Stadt durchaus möglich schien.
Ende 1952 war der Umzug vom Blickergebäude nach Knielingen abgeschlossen. Die Firma Siemens war mit etwa 5.000 Beschäftigten zu Beginn der 1950er-Jahre, darunter inzwischen etwa 30 Prozent Flüchtlinge und Vertriebene, zum größten Industriebetrieb der Stadt geworden.
Es entstanden nun auch zahlreiche neue Wohnungen, darunter als größtes Projekt die Neubausiedlung hinter dem Stadion des Karlsruher Fußballvereins (KFV) am Binsenschlauch mit 152 Wohnungen. Im August 1952 waren insgesamt 524 neue Wohnungen entstanden, unter anderem in der Yorckstraße (136 Wohnungen) und im Binsenschlauch (258 Wohnungen).
1955 hatte das Unternehmen über 5.500 Beschäftigte, 1957 6.000, die für einen Umsatz von 45 Millionen DM sorgten. Die Zahl der Beschäftigten stieg bis auf 8.600 im Jahr 1987 an. Seit seiner Ansiedlung in Knielingen wurde auf dem Fabrikgelände auch kontinuierlich gebaut. 1956 war der Anbau an das Messtechnikgebäude fertiggestellt. Als 1961 nach dem Bau der Berliner Mauer die aus dem Ostteil der Stadt kommenden Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze nicht mehr erreichen konnten, wurde die Messwandlerfertigung nach Karlsruhe verlegt. In der 1962 begonnenen Erweiterung nördlich der Siemensallee für Messwandler mit Gießharztechnik konnte im September 1964 die Produktion aufgenommen werden. 1965 berichteten die Medien über "Europas größter schalltoter Raum" im neu errichteten Akustikgebäude. 1970 verfügte Siemens-Karlsruhe über die größte Montagehalle für elektrische Stellantriebe, 1972 konnte ein neues Ausbildungszentrum, 1974 das Siemenshaus an der Bannwaldallee in Betrieb genommen werden. 1988 folgte ein neues Gebäude für Vertrieb der Siemens Prozessleittechnik für 1.000 Beschäftigte.
Nun erhielt Siemens auch die lang geplante Verlängerung der Straßenbahn über den bisherigen Endpunkt in der Siemensallee vor der Kreuzung mit der Neureuter Straße. Nach einer Neustrukturierung gab es zwei Werke in Knielingen: das Elektronikwerk, das 1992 zum Pilotwerk des Konzerns wurde, mit 2.400 Mitarbeitenden und die Automatisierungstechnik mit 6.000 Beschäftigten, wovon im Gerätewerk allein 1.750 arbeiteten. 1992 gab es dann aber auch den ersten Personalabbau, als das Automatisierungswerk wegen schlechter Auftragslage 200 Stellen verlor, und auch im folgenden Jahr wurden 450 Stellen gestrichen. Generell führte der Wandel von der Feinwerktechnik und Mechanik hin zur Elektrotechnik zu Arbeitsplatzverlusten, wovon auch Karlsruhe betroffen war.
Dennoch blieb Karlsruhe der fünftgrößte deutsche Siemensstandort. 1997 entstand der Siemens Industriepark, als nach der Umstrukturierung Produktionsflächen leer standen. Dort wurden nach und nach alle Karlsruher Siemens-Standorte zusammengefügt und weitere Fremdfirmen - im Jahr 2000 waren es bereits 30 - angesiedelt, darunter der Blitzinformationsdienst. Die Firma war inzwischen auf "anspruchsvolle" Automatisierungssysteme und Dienstleistungen spezialisiert. 2021 erhielt Siemens-Karlsruhe den europäischen Industriepreis "Fabrik des Jahres".
Trotz wiederholt angekündigter und zum Teil auch durchgeführter Stellenkürzungen waren 2004 noch rund 5.000 Personen, davon 60 Prozent bei der Sparte Automation and Drive (A&D) in Karlsruhe beschäftigt. 10 Jahre nach der Eröffnung des Industrieparks arbeiteten dort 1.000 Personen. 2015 war diese Zahl auf 1.300, die der Simensianer aber auf 4.700 weiter zurückgegangen. 2025 ist Karlsruhe trotz des Rückgangs auf 3.500 Beschäftigte nach wie vor einer der größten Siemens-Standorte in Deutschland und der größte private Arbeitgeber in Karlsruhe.
Quellen
StadtAK 1/Wi-ko-Amt 177, 1/H-Reg 5550-5553, 5727, 5687, 11601, 8/ZGS 79 Industriebetriebe; Karlsruher Adressbücher, https://digital.blb-karlsruhe.de/Drucke/topic/view/485648; Ehemaliges Verwaltungsgebäude der Rheinischen Siemens-Schuckertwerke Mannheim, Website, (Zugriff jeweils am 25. Juli 2025).