Wahlaufruf der Christlichen Volkspartei (Vorläufer der DNVP) mit antisemitischen Passagen, Karlsruher Tagblatt, 4. Dezember 1918.
Wahlpropaganda der DNVP zur Reichstagswahl im November 1932, Stadtarchiv Karlsruhe 7/PS Boess 319.

Deutschnationale Volkspartei (DNVP)

Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) entstand Ende 1918 in Baden als Zusammenschluss der vormaligen Konservativen, die hier als Rechtsstehende Vereinigung (Deutschkonservative, Freikonservative und Bund der Landwirte) und der Reichspartei auftraten. Zunächst firmierte die DNVP als Christliche Volkspartei Badens. Am 4. Dezember trat sie mit einem ersten Wahlaufruf an die Öffentlichkeit, der gleich verdeutlichte, dass es starke antisemitische Tendenzen in der Partei gab und die Partei vor dem Auftreten der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) den rechten Rand des Parteienspektrums bildete.

Antisemitische Tendenzen bei den Konservativen waren schon im Kaiserreich deutlich zu erkennen gewesen. Bereits zu Beginn des Jahres 1918 war der Abgeordnete des Wahlkreises 46 (Ämter Durlach, Ettlingen und Pforzheim), Karl Georg Schöpfle, Kaufmann und Bürgermeister von Langensteinbach, im badischen Landtag durch antisemitische Äußerungen aufgefallen. Schöpfle, einer von fünf Abgeordneten dieser konservativen Partei, schloss sich 1918 der DNVP an.

Ein ganzseitiger Wahlaufruf der DNVP am 22. Dezember 1918 bekräftigte unter dem Stichwort „Judenfrage“ den antisemitischen Schwerpunkt. So dezidiert antisemitisch trat die DNVP in den folgenden Jahren nur noch in Einzelfällen auf, die antisemitischen Protagonisten verloren an Einfluss. Schöpfle zum Beispiel gehörte dem Landtag nur bis 1921 an. Der konservative Antisemitismus verschwand aber nie gänzlich und machte es später wohl so manchem Parteimitglied und -wähler leichter, die antisemitische NSDAP zu unterstützen. Die DNVP gehörte auch der am 17. Januar 1922 gegründeten rechtsstehenden Vaterländischen Arbeitsgemeinschaft an, der außerdem der Jungdeutsche Orden, der Deutschbund, der Deutsche Offiziersbund, der Nationalverband deutscher Offiziere, der Hochschulring deutscher Art, der Jungnationale Bund und die Nationale Studentenschaft beigetreten waren.

Die Geschäftsstelle der DNVP befand sich zunächst in der Nowack-Anlage, dann in der Amalienstraße 25, wo auch die Landesgeschäftsstelle residierte. Später hatte der Ortsverein in der Bismarckstraße 1 und dann bis 1928 in der Stephanienstraße 40 seinen Sitz, wo auch die später in der NS-Frauenschaft als Propagandaleiterin und Gauschulungsleiterin aktive Malerin Dora Horn-Zippelius mit ihrem Mann, dem Architekten Hans Zippelius wohnte. Seit 1929 ist dort nur noch der Kreisverein nachzuweisen.

Vorsitzender wurde Mitte Februar 1919 Telegraphendirektor Karl Hoechstetter, von 1922 bis 1925 Stadtrat seiner Partei. Bereits 1921 wurde er von Karl Schmidt abgelöst, dem 1925 der Vorsitzende der Vaterländischen Arbeitsgemeinschaft, der ehemalige Generalmajor Karl Robert Praefcke folgte. Dieser war auch Vorsitzender des DNVP-Kreisverbandes, der in den folgenden Jahren immer mehr in den Vordergrund rückte. 1929 ist nur noch der Kreisverband nachzuweisen, am 25. März 1930 wurde offiziell aber wieder ein Kreis- und Ortsverband ins Vereinsregister eingetragen. Vorsitzender des Ortsvereins wurde als Nachfolger von Albert Müller der spätere Stadtrat Ferdinand Lang. Der Rechtsanwalt Karl Giehne übernahm am 31. Oktober 1931 den Vorsitz des Kreisvereins von Müller.

Zu den führenden Personen der Karlsruher DNVP gehörten auch der Rechtsanwalt Johannes Rupp, der nach seiner Wahl zum Landtagsabgeordneten im Oktober 1929 rasch zur NSDAP wechselte, und die Stadträte Rudolf Dietrich (1925-1930), Hans Hausrath (1919-1920), Heinrich von der Heydt (1922-1930) und Hans Reiff (1920-1929).

Ihre größten Wahlerfolge erzielte die DNVP bei den Stadtverordnetenwahlen 1922 und 1926, als sie mit jeweils rund 11 Prozent der Stimmen 9 Stadtverordnete stellte. Bei den Landtags- und den Reichstagswahlen lagen die größten Erfolge in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre mit dem besten Ergebnis bei der Reichstagswahl am 7. Dezember 1924 mit knapp 14 Prozent. Danach geriet die Partei unter zunehmenden Druck von rechts durch die NSDAP und auch durch den 1928 gegründeten Evangelischen Volksdienst. In der Endphase der Weimarer Republik spielte die DNVP, die seit dem 1. Februar 1924 mit dem Karlsruher Volksblatt (seit dem 2. März 1925 Badische Zeitung) über eine eigene Parteizeitung verfügte, in Karlsruhe keine große Rolle mehr. Ein großer Teil der Wählerschaft wechselte zur NSDAP, mit der sich die DNVP auch in Karlsruhe immer mehr einließ. Der paramilitärische Stahlhelm war z. B. häufig gemeinsam mit der SA an Schlägereien beteiligt. Immerhin reichten die 5,4 Prozent bei der letzten nur noch mit Einschränkungen demokratischen Reichstagswahl am 5. März 1933, um mit der NSDAP auch in Karlsruhe über die 50-Prozent-Hürde zu kommen.

Die Karlsruher Führungsspitze der DNVP, die sich reichsweit Ende Juni 1933 selbst auflöste, trat nun geschlossen der NSDAP bei. Die Ortsgruppe löste sich am 2. Juli, der Kreisverein am 12. Juli 1933 auf. Die Steigbügelhalterfunktion der DNVP honorierte diese zum Beispiel mit der Ernennung des Landtagsabgeordneten Paul Schmitthenner zum Staatsrat, später zum badischen Kultusminister.

Wahlergebnisse DNVP %
Nationalversammlung Baden 1919, 5. Januar 7,2
Deutsche Nationalversammlung 1919, 19. Januar 7,8
Stadtverordnete 1919, 18. Mai 9,1
Reichstag 1920, 6. Juni 12,3
Landtag 1921, 30. Oktober 13,3
Stadtverordnete 1922, 22. November 11,0
Reichstag 1924, 4. Mai 12,5
Reichstag 1924, 7. Dezember 13,7
Landtag 1925, 25. Oktober 9,7
Stadtverordnete 1926, 14. November 10,8
Reichstag 1928, 20. Mai 7,9
Landtag 1929, 27. Oktober 4,7
Reichstag 1930, 14. September 2,7
Stadtverordnete 1930, 16. November 2,6
Reichstag 1932, 31. Juli 4,2
Reichstag 1932, 6. November 5,7
Reichstag 1933, 5. März 5,4
Ernst Otto Bräunche 2021

Quelle

Badische Zeitung 1924-1934, StadtAK 8/Ze 8.

Literatur

Ernst Otto Bräunche: Residenzstadt, Landeshauptstadt, Gauhauptstadt. Zwischen Demokratie und Diktatur 1914-1945, in: Susanne Asche/Ernst Otto Bräunche/Manfred Koch/Heinz Schmitt/Christina Wagner: Karlsruhe - Die Stadtgeschichte, Karlsruhe 1998, S. 358-502, https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/literatur/stadtarchiv/HF_sections/content/ZZmoP1XI2Dw44t/Karlsruhe%20Die%20Stadtgeschichte.pdf (Zugriff am 16. Februar 2021); Ernst Otto Bräunche: „Eine neue Zeit der Freiheit ist angebrochen“ – Politik und Parteien in der Weimarer Republik, in: Ernst Otto Bräunche/Frank Engehausen/Jürgen Schuhladen-Krämer (Hrsg.): Aufbrüche und Krisen. Karlsruhe 1918-1933, Karlsruhe 2020, S. 17-67 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 35); Viktor Fichtenau: "Bei der nationalen Revolution nach Kräften mitarbeiten": Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) in Karlsruhe, in: ebenda, S. 141-161.