Blick vom Rathausturm über die Häuser der Innenstadt vom Marktplatz bis zum Schloss, um 1910, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIIIb 127.
Blick vom Schlossturm nach Süden, um 1880, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIIIb 907.
Der große Saal der 1877 fertiggestellten Festhalle, Ansicht nach Süden, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 1494.

Kaiserreich

Karlsruhe verändert sich in der Zeit des Kaiserreichs (1871-1918) wie andere Städte im Deutschen Reich rasant. Im Zuge der an Fahrt gewinnenden Industrialisierung wuchs die Stadt von knapp 37.000 Einwohnern im Jahr 1871 auf gut 142.000 im Jahr 1918. Wichtigste Quelle war dabei die Binnenwanderung, der Karlsruhe zwischen 1871 und 1910 eine Zunahme um etwa 53.5000 Einwohner verdankte. Ein Teil des Bevölkerungszuwachses war auch auf die Eingemeindungen von Mühlburg (1886), Beiertheim, Rintheim, Rüppurr (1907), Grünwinkel (1909) und Daxlanden (1910) zurückzuführen.

Arbeit fanden die Menschen in neuen oder expandierenden Industriebetrieben, die unter anderem in eigenen Industriegebieten angesiedelt wurden, ab 1890 in der Oststadt, seit 1899 im Bannwaldbezirk im Westen. Karlsruhe wurde zu einer Stadt, in der die Industrie ihren festen Platz mit Schwerpunkten in der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau hatte. Mit der wachsenden Zahl der industriellen Arbeitsplätze konnte sich die Stadt zunehmend aus der Abhängigkeit vom badischen Hof emanzipieren. Politisch blieb Karlsruhe im Kaiserreich trotz der Zunahme der Arbeiterschaft und auch nach der Gründung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) eine bürgerlich, vor allem nationalliberal geprägte Stadt.

Aus der eher noch kleinen und überschaubaren Residenz wurde aber eine Großstadt, deren Wohngebiete in der Süd-, West- und Oststadt kontinuierlich wuchsen und deren alte Stadttore (Durlacher Tor, Ettlinger Tor, Karlstor, Linkenheimer Tor, Mühlburger Tor, Rüppurrer Tor) dem zunehmenden Verkehr weichen mussten. Zugleich entstanden Plätze in der Stadt, die bis heute ihr Erscheinungsbild wesentlich prägen, unter anderem: Friedrichsplatz, Stephanplatz, Festplatz, Werderplatz, Gutenbergplatz und Scheffelplatz.

Die Oberbürgermeister Wilhelm Florentin Lauter (1870-1892), Karl Schnetzler (1892-1906) und Karl Siegrist (1906-1919) gestalteten diesen auch die Stadtverwaltung einschließenden Modernisierungs- und Wachstumsprozess entscheidend mit. Investiert wurde vor allem in die Infrastruktur. Der Verbesserung der Hygiene diente die Korrektion des Landgrabens (1878-1885) und der Ausbau der Kanalisation. Die Versorgung mit Gas, Strom und Wasser wurde gestärkt durch das Wasserwerk (1871), das neue Gaswerk am Mühlburger Tor (1886) und die Anlage des Lauterbergs mit einem Wasserreservoir (1893) sowie mit dem Elektrizitätswerk (1901). 1912 brannten die ersten elektrischen Straßenleuchten in der Kaiserstraße.

Wichtige verkehrspolitische Entscheidungen für die Mobilität der Bevölkerung wurden umgesetzt: eine Pferdebahn (1877) und eine Dampfbahn nach Durlach (1881), die beide seit 1900 als elektrische Straßenbahn und seit 1901 im Besitz der Stadt betrieben wurden; die Kraichgaubahn nach Eppingen (1878); die Lokalbahn nach Durmersheim (1890), Spöck (1891) und von Grünwinkel nach Daxlanden (1913); die Albtalbahn (1898). Das von dem Karlsruher Carl Benz erfundene Automobil hielt Einzug in die Stadt. Die beiden bedeutendsten Infrastrukturprojekte waren der Bau des Städtischen Rheinhafens (1901/02) und die Verlegung des Hauptbahnhofs (1913).

Die Stadt investierte in zahlreiche neue Schulbauten, die ihr den Ruf einer "Schulstadt" einbrachten: Gymnasium (1874), Uhlandschule (1886), Friedrichschule (1896), das erste 1893 gegründete deutsche Mädchengymnasium (1898), Gutenbergschule (1908), Goetheschule (1908), Lessingschule (1911) und die Tullaschule (1916). Die Gründung der Baugewerkeschule (1878) hat bis heute nachhaltige Wirkung über ihre Nachfolgerin, die Hochschule Karlsruhe – Wirtschaft und Technik. Kasernenneubauten wie die Kadettenanstalt 1892 und die Infanteriekaserne an der Moltkestraße stärkten den Garnisonsstandort Karlsruhe.

Der Versorgung der Bevölkerung dienten der Bau des Vierordtbades (1873), ein moderner Schlacht- und Viehhof (1887), das Vincentius-Krankenhaus (1900), das neue Städtische Krankenhaus an der Moltkestraße (1907), der neue Hauptfriedhof (1874) und das neue städtische Kinderheim, das Sybelheim (1912). Mit dem Stadt- und Tiergarten unterhielt die Stadt seit 1877 eine Freizeiteinrichtung für die Bevölkerung. Nicht zuletzt entstanden einige bis heute stadtbildprägende Kirchenneubauten: die St. Peter und Paul Kirche in Mühlburg (1889), die Christuskirche (1900), die Bernharduskirche (1901), die Lutherkirche (1907), die Bonifatiuskirche (1908) und die Heiliggeistkirche Daxlanden (1912).

Großherzogliche Institutionen wie das Hoftheater, das eine Blütezeit erlebte, die Kunsthalle, die Bibliothek und Sammlungen im neuen Sammlungsgebäude (1874) und das neue Großherzogliche Konservatorium (1884) dominierten zwar das kulturelle Angebot. Es entstanden nun aber auch für Kultur und andere Veranstaltungen neue Gebäude bzw. Institutionen: die städtische Festhalle (1877), das Stadtarchiv als erste von der Stadt allein getragene Kultureinrichtung (1885), das Gebäude des Kunstvereins (1900), die Ausstellungshalle und das Konzerthaus (1915) der Stadt am Festplatz. Zudem trug das ausdifferenzierte Vereinsleben zur kulturellen Vielfalt der Stadt bei.

Neue Sportarten wie Fußball ab 1889 hielten ihren Einzug und führten zu einer Intensivierung des Vereinslebens. Karlsruhe wurde vor dem Ersten Weltkrieg eine Fußballhochburg mit zwei gewonnenen deutschen Meisterschaften, FC Phoenix 1909 und Karlsruher Fußballverein (KFV) 1910.

Insgesamt war die Zeit des Kaiserreichs für Karlsruhe eine Zeit des Wachstums, in der viele bis heute funktionsfähige Bauten und Institutionen entstanden, wegweisende Entscheidungen im Bereich des Aufbaus und der Weiterentwicklung der städtischen Infrastruktur getroffen wurden und eine leistungsfähige Verwaltung wichtige Aufgaben im Bereich der städtischen Daseinsvorsorge übernahm.

Ernst Otto Bräunche/Manfred Koch 2015

Literatur

Susanne Asche: Residenzstadt - Bürgerstadt - Großstadt. Auf dem Weg von der Residenz zum Industrie- und Verwaltungszentrum 1806-1914, in: Susanne Asche/Ernst Otto Bräunche/Manfred Koch/Heinz Schmitt/Christina Wagner: Karlsruhe - Die Stadtgeschichte, Karlsruhe 1998, S. 191-353; Manfred Koch: Karlsruher Chronik. Stadtgeschichte in Daten, Bildern, Analysen, Karlsruhe 1992 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 14).