Durlach im Jahr 1687/88 - Ansicht von Westen mit Bienleinstor, Basler Tor, Stadtkelter, Pädagogium und Kirchturm, im Hintergrund der Turmberg, Kupferstich von Christoph Riegel, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIIIa 307.
Das wiederaufgebaute Durlach im 18. Jahrhundert nach der Verlegung der Residenz - Blick zum Turmberg mit Bauern im Vordergrund, kolorierter Stich mit Legende in Latein und Deutsch, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIIIa 144.
Durlach von Westen mit Bahnlinie und Bahnhof im Jahr 1844, Stich von Louis Hoffmeister, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIIIa 23.
Nähmaschinenfabrik Gritzner, Postkarte um 1900, Pfinzgaumuseum Durlach U I 1154.
Die Badische Maschinenfabrik Durlach, 1905, Pfinzgaumuseum Durlach U I 296/1.
Luftbild von Durlach mit Blick auf die Kernstadt und den Turmberg, 1. August 1930, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIIIa 235.
Luftaufnahme (Foto: Albrecht Brugger) des Durlacher Altstadtrings, im Vordergrund die Badische Maschinenfabrik Sebold, 1. August 1984, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 391/241.

Durlach

Im Gebiet des größten Karlsruher, 1938 eingemeindeten Stadtteils Durlach, sind bereits die Römer nachweisbar. Der Turmberg, das Wahrzeichen Durlachs, ist schon im 8. Jahrhundert im Lorscher Codex als Hohenberg mitsamt seinem auch heute noch bestehenden Weinanbaugebiet erwähnt. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts errichteten die Grafen von Hohenberg, die von den Saliern mit der Grötzinger Gemarkung belehnt waren, auf dem Turmberg eine erste Burg. Gleichzeitig erhielten sie das Grafenamt im Pfinzgau von den Saliern als Lehen. Der Name Turmberg ist allerdings erst gebräuchlich, seitdem die Reste der Burg auf dem Berg im 16. Jahrhundert als Wachturm genutzt wurden. Den Hohenbergern folgten zunächst die Staufer und nach 1219 schließlich die Markgrafen von Baden. Nach Auseinandersetzungen zwischen Markgraf Rudolf von Baden und König Rudolf I. von Habsburg eroberte Bischof Konrad von Straßburg 1279 die Burg und ließ sie niederbrennen. Ein Wiederaufbau lohnte sich aufgrund der starken Zerstörung nicht, lediglich die Ruinen blieben stehen.

Erstmals schriftlich erwähnt wurde die Stadt Durlach 1196, als Kaiser Heinrich VI. in der "villa Durla" zwei Urkunden ausstellte. Von der mittelalterlichen Stadt gibt es durch den verheerenden Stadtbrand von 1689 und aufgrund nur geringfügiger Ausgrabungstätigkeiten kaum Zeugnisse. Erhaltene Pläne zeigen im Mittelpunkt Durlachs Rathaus und Stadtkirche angesiedelt, darum gruppierten sich die Häuser der Einwohner. Die Stadt war von einer Stadtmauer umgeben, hinein gelangte man durch die vier Stadttore, das Bienleinstor im Westen, das Basler Tor im Süden, das Pfinz- oder Ochsentor im Norden sowie das Blumentor im Osten. Regelmäßig wurde in Durlach Markt abgehalten.

Die eigentliche Blütezeit erlebte Durlach dann ab 1565, als Markgraf Karl II. seine Residenz hierher verlegte, weil seine bisherige Residenzstadt Pforzheim durch die territorialen Veränderungen aus dem Zentrum des Landes gerückt war. Durlach erlebte nun einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung: Karl II. baute die Karlsburg auf dem Areal eines ehemaligen Jagdschlosses der markgräflichen Familie außerhalb der ursprünglichen Stadtmauer. Der Markgraf war bereits nach dem Augsburger Religionsfrieden 1553 zum evangelischen Glauben übergetreten, seine Untertanen mussten ebenfalls seinen Glauben annehmen. Karls Sohn Ernst Friedrich errichtete 1586 das Gymnasium illustre, das bald den Rang einer Universität erreichte. Zudem trat Ernst Friedrich zum Calvinismus über und versuchte ab 1595 das ganze Land zu reformieren.

Doch der Aufschwung Durlachs sollte nicht lange dauern. Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges wurde die Stadt 1689 von den Truppen des französischen Königs Ludwigs XIV. fast vollständig niedergebrannt, auch von der Karlsburg blieb nur der Prinzessenbau stehen. 1698 begann der Wiederaufbau der Stadt nach den Modellplänen von Stadtbaumeister Thomas Lefèbvre und der Neubau des Schlosses nach Plänen von Egidio Rossi, letzterer wurde aus Geldmangel aber nur mit zwei Gebäudeflügeln verwirklicht. Die Stadtkirche war 1700 nach Plänen von Giovanni Mazza wieder aufgebaut. 1715 wurde das Rathaus neu errichtet, es erhielt sein heutiges Gesicht allerdings erst 1845 beim Umbau durch den Durlacher Architekten Jakob Hochstetter.

Der Zerstörung 1689 folgte auch der Verlust des Status einer Residenzstadt: 1715 entschloss sich Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach zum Bau einer neuen Stadt – Karlsruhe – im Hardtwald, in die dann auch Regierungskollegien, Hofstaat und Gymnasium illustre verlegt wurden. Durlach wurde Ackerbürgerstadt, die Karlsruhe mit Früchten und Getreide versorgte. Zur Erschließung neuer Geldquellen und zur Ankurbelung der Wirtschaft siedelte man Manufakturen an, 1723 (bis 1847) die Fayence, 1735 die Münze, 1747 die Seidenkompanie. Daneben gab es im 18. Jahrhundert 15 weitere Manufakturen, die ihre Produktionsräume teilweise in den leer stehenden Gebäuden im Schlossbereich hatten. 1764 beginnt auch die Geschichte der von Johann Heinrich Stein gegründeten Durlacher Orgelfabrik, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nun unter der Leitung von Heinrich Voit, zu einer weit über die Grenzen Badens und Deutschlands hinaus bekannten Orgelbauanstalt entwickelte.

Nach der Neuorganisation der Verwaltung unter napoleonischem Einfluss 1810 wurde Durlach bis 1832 Kreisstadt. 1833 zog das Militär in die Stadt ein, in der Karlsburg wurde bis zum Bau der Markgrafenkaserne 1913 die Garnison untergebracht.

Industrie in Durlach

Die im 18. Jahrhundert entstandenen Manufakturen legten auch den Grundstein für die Entwicklung Durlachs zur Industriestadt. Der Anschluss an die Eisenbahnstrecke Mannheim–Heidelberg im Jahr 1843, die Nähe zur Residenzstadt Karlsruhe sowie die Lage an der Pfinz boten im 19. Jahrhundert eine gute Ausgangslage zur Ansiedlung von weiteren Industriebetrieben. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 und die folgende Einigung des Deutschen Reiches 1871 beschleunigten die Industrialisierung. Bereits kurz nach der Reichsgründung siedelten sich verstärkt neue Betriebe vor den ehemaligen Stadttoren am westlichen Rand oder nahe der Pfinz an. Am bedeutendsten war für Durlach die Eisen verarbeitende Industrie mit zwei großen Unternehmen, der Nähmaschinenfabrik Gritzner, später Pfaff, und den Seboldwerken, später Badische Maschinenfabrik Durlach (BMD). Durch die Nähe des Rheins und den vorhandenen Eisenbahnanschluss konnten Rohstoffe wie Stahl und Kohle auf dem Wasserweg herbeigeschafft und die fertig gestellten Produkte mit der Eisenbahn abtransportiert werden. Während der beiden Weltkriege wurde in Durlach vorwiegend Munition produziert.

Die seit Jahrhunderten bestehenden Stadttore waren aufgrund des höheren Verkehrsaufkommens, der Straßenerweiterungen und der Anbindung an die Eisenbahn nach und nach abgerissen worden, nur das Basler Tor ist bis heute erhalten geblieben. Das Stadtbild prägten im Laufe des 19. Jahrhunderts vermehrt Fabrikhallen und die Stadt erweiterte sich außerhalb der Stadtmauern.

Die wirtschaftliche Entwicklung schlug sich in den Einwohnerzahlen nieder, so gab es in Durlach 1868 5.565 Einwohner, 1910 waren es bereits 13.896. Dies führte auch zu einer Reihe infrastruktureller Maßnahmen: 1906/07 verlegte und überwölbte man den Dürrbachgraben und verbreiterte die Ettlinger-, heute Badener/Grötzinger Straße. Das Turmberggebiet wurde nun als Bauland erschlossen, dort entstand ein Viertel mit großen Villen, in denen oftmals die Fabrikbesitzer mit ihren Familien lebten. Nach Verlegung des Bahnhofes 1911 an die heutige Stelle wurde Richtung Aue Baugebiet erschlossen, das für Industriearbeiter gedacht war. 1918 baute die Stadt erste Wohnblocks in der Auer-, Ernst-Friedrich- und Steinmetzstraße, die am 1. Mai 1920 bezogen werden konnten. Nach Plänen des Architekten Hermann Alker entstanden im Alten Graben, in der Auer- und Blattwiesenstraße Zwei- und Dreizimmerwohnungen mit Küchen, Bädern, Toiletten, Loggien und Gärten. Auch in der Trainstraße stellte die Stadt Wohnungen her und ab 1924 baute die Baugenossenschaft mit der Stadt nach Plänen von Alker zweistöckige Einfamilienhäuser in der Dornwaldsiedlung.

Als Gegenpol zur Industrialisierung wurde 1882 ein Verschönerungsverein in Durlach gegründet mit dem Ziel, sowohl die Stadt zu verschönern als auch den Turmberg als Naherholungsgebiet auszubauen. 1888 initiierte der Verein den Bau der Turmbergbahn, der ältesten heute noch bestehenden Standseilbahn Deutschlands. Zur Verbesserung des Stadtbildes trugen auch die 1906/07 erbaute Badeanstalt (heute Turmbergbad) und die neuen Schulbauten (Gymnasium, Gewerbeschule, Pestalozzischule) bei, alles Projekte des Bürgermeisters Philipp Reichardt, des ersten hauptamtlich amtierenden Bürgermeisters Durlachs.

Rotes Durlach und Eingemeindung

Viele der Durlacher Arbeiter hatten sich schon vor dem Ersten Weltkrieg gewerkschaftlich organisiert und wählten die SPD, an die seit 1898 die Reichstags- und seit 1904 die Landtagsmandate fielen. Der Grundstein für den Ruf der Stadt als das rote Durlach war damit gelegt. Die 1920er-Jahre waren auch in Durlach von Weltwirtschaftskrise und Inflation geprägt. Das soziale Elend wurde dadurch verschärft, dass der Absatz der Durlacher Betriebe gesunken war und viele Industriearbeiter entlassen wurden.

Deswegen kam 1931 in Durlach selbst der Wunsch nach einer Eingemeindung in die Nachbarstadt Karlsruhe auf, da es dieser wirtschaftlich besser ging. Diese hatte sich zu einer Dienstleistungs- und Verwaltungsstadt mit einem deutlichen Industrieanteil entwickelt, während Durlach weitgehend von der Industrie abhängig war. Karlsruhe lehnte die Eingemeindung damals ab, sie wurde erst während des Dritten Reiches, nun allerdings gegen den Willen der Durlacher vollzogen. Treibende Kraft für den am 1. April 1938 vollzogenen Akt war Gauleiter Robert Wagner und dessen ideologisch begründeter Wunsch nach Vergrößerung seiner Gauhauptstadt. Der Versuch, die Eingemeindung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit der "Los-von-Karlsruhe-Bewegung" rückgängig zu machen, scheiterte.

Nachkriegszeit

Im Gegensatz zur Karlsruher Kernstadt waren die Zerstörungen im Luftkrieg, die Durlach während des Zweiten Weltkriegs erlitt, gering, was aber zur Folge hatte, dass sich gerade in den unversehrten repräsentativen Häusern am Turmberg zahlreiche alliierte Soldaten einquartierten. In der Nachkriegszeit siedelten sich weitere Industriebetriebe an, manche jedoch nur vorübergehend. Die wichtigste Neuansiedlung war die Willmar Schwabe AG. Andere Firmen mussten in den nächsten Jahren schließen: Bereits 1970 gab die Durlacher Lederfabrik (ehemals Herrmann und Ettlinger) ihren Betrieb auf, 1972 verlagerte Dynamit Nobel seine Produktion nach Bayern. 1993 kam es zu Entlassungen bei Pfaff (früher Gritzner bzw. Gritzner-Kayser), der Betrieb wurde 2002 stillgelegt, 1995 meldete die Firma Dental-Ritter Konkurs an.

Im gleichen Jahr wurden Teile der Badischen Maschinenfabrik nach Tschechien ausgelagert, es folgte ein schleichender Niedergang: 2002 wurde der Betrieb in Durlach stillgelegt, Reste der Firma gingen unter dem Namen DISA Group nach Hagsfeld, seit 2007 ist auch dort der gesamte Betrieb eingestellt. Wieder einmal standen, wie auch schon nach der Residenzverlegung im 18. Jahrhundert, Gebäude leer. Das Gelände der ehemaligen Nähmaschinenfabrik Gritzner wurde saniert, es zog unter anderen zunächst ein großer Internetanbieter ein. Die Räume der Badischen Maschinenfabrik beherbergen heute unter anderen ein Gründerzentrum und einen mittelständischen Betrieb. Auf das Gelände der Ritter AG wurde ein Hotel gebaut, andere Flächen für den Wohnungsbau freigegeben.

In der Altstadt wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nur vereinzelt bestehende Gebäude durch Neubauten ersetzt. Eine augenfällige Veränderung war der Abriss eines Flügels der Karlsburg zugunsten des Neubaus der Schloss-Schule. Auch die Turmbergbahn wurde 1965/66 einer umfassenden Modernisierung unterzogen. Die 1984 begonnene Altstadtsanierung zielte hingegen auf eine Renovierung der bestehenden, mittlerweile baufällig gewordenen Bausubstanz der Altstadt. Diese Maßnahmen sowie die Umnutzung ehemaliger Industrieflächen hatte zur Folge, dass sich Durlach allmählich von einem Industriestandort zu einem bevorzugten Wohnort wandelte.

Anke Mührenberg 2015

Literatur

Susanne Asche/Olivia Hochstrasser: Durlach. Staufergründung, Fürstenresidenz, Bürgerstadt, Badenia-Verlag, Karlsruhe 1996 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 17); Susanne Asche/Konstanze Ertel/Anke Mührenberg: Fabrik im Museum. Industrie und Gewerbe in Durlach, Karlsruhe 2003 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 27); Anke Mührenberg: Kleine Geschichte Durlachs, Leinfelden-Echterdingen 2009.