Werbeplakat für den Volksfreund, 1920, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS X 2963.

Volksfreund

In Karlsruhe erschien vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 eine Vielzahl von Zeitungen, zu denen der Volksfreund am 1. April 1899 als Parteizeitung der nach dem Fall des Sozialistengesetzes auch hier erstarkenden Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) gehörte. Begründet worden war die Zeitung als Rheinbote 1880 in Offenburg von Adolf Geck. Sie erschien dort zuletzt dreimal in der Woche. Das Experiment, die Zeitung dreimal in Offenburg und dreimal in Karlsruhe zu drucken, war zuvor gescheitert. Der Volksfreund ging mit dem 1. April in den Besitz der Partei über, in deren Auftrag die Freiburger Drucker Johann Melchior Burger und Rudolf Goldschagg in der Werderstraße 31 die dafür erforderliche Druckerei betrieben. Dort war auch die Redaktion untergebracht. Die Geschäftsleitung übernahm Eugen Geck, die Redaktion lag bei Anton Fendrich und Wilhelm Kolb, der nach dem Ausscheiden Fendrichs von 1908-1918 alleiniger Redakteur war. Der Volksfreund wurde so zum Sprachrohr der revisionistischen Politik der badischen SPD.

1904 übernahm die Partei mit der Gründung der OHG Geck & Co den Druck in Eigenregie in einem vormals vom Lebensbedürfnisverein genutzten Haus, Luisenstraße 24. Bis zur Verselbständigung der Tochtergründung Volkswacht in Freiburg 1911 war der Volksfreund das SPD-Blatt für Mittel- und Oberbaden. Die Volkswacht übernahm zum 1. Juli 1911 6.000 Abonnenten des Volksfreunds. Die Auflage des Volksfreunds blieb dennoch vor dem Ersten Weltkrieg im fünfstelligen Bereich und lag in der Weimarer Republik bei ca. 20.000. Im Laufe der Zeit bekam der Volksfreund dem Beispiel anderer Zeitungen folgend etliche Wochenbeilagen, 1932 waren es sechs: Heimat und Wandern; Unterhaltung, Wissen, Kunst; Sozialistische Jugend; Die Musestunde; Sport und Spiel sowie Die Welt der Frau.

Am 8. September 1926 wurde die OHG in eine GmbH umgebildet, deren Aufsichtsrat der spätere Oberbürgermeister Fritz Töpper leitete. Dringendste Aufgabe war zu dieser Zeit der Neubau eines modernen Verlagsgebäudes, das in der Waldstraße 28 nach Plänen des Architekten Hans Zippelius am 10. Juni 1927 feierlich eingeweiht werden konnte. Im neuen Verlagsgebäude waren auch das Parteisekretariat und eine Volksbuchhandlung untergebracht.

In der Weimarer Republik vertrat der Volksfreund die sozialdemokratischen Positionen in scharfer Abgrenzung nach links vor allem gegen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und nach rechts gegen die Deutsche Volkspartei (DVP), die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und vor allem die Nationalsozialistische Partei Deutschlands (NSDAP).

Bereits nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde der Volksfreund im Wahlkampf zur Reichstagswahl wiederholt verboten, am 18. März musste er sein Erscheinen einstellen. Der letzte Chefredakteur Sally Grünebaum gehörte zu den sieben Sozialdemokraten, die am 16. Mai mit einer Schaufahrt ins KZ Kislau gebracht wurden. Das Verlagsgebäude wurde enteignet und von der NS-Gauzeitung Der Führer weiter genutzt.

Nach dem Krieg knüpften die Südwestdeutsche Allgemeine Zeitung (1947-1949) und die AZ Badische Abend-Zeitung (1950 - 1968) an die sozialdemokratische Tradition einer eigenen Parteizeitung an, die beide in der Waldstraße 28 gedrückt wurden.

Auflage:
1904: 9.000
1907: 15.500
1914: 14.000
1925: 18.600
1928: 19.400
1932: 20.900

Ernst Otto Bräunche 2016

Quellen

StadtAK 8/Ze 16; Volksfreund, 14. April 1906, 1. April 1924 und Sonderbeilage "Zur festlichen Eröffnung des Neubaus der Druckerei des Volksfreundes" vom 11. Juni 1927.

Literatur

Jörg Schadt/Wolfgang Schmierer (Hrsg.): Die SPD in Baden-Württemberg und ihre Geschichte, Stuttgart 1979 (= Schriften zur politischen Landeskunde Bd. 3); Konrad Dussel: Pressebilder in der Weimarer Republik: Entgrenzung der Information, Münster 2012 (= Kommunikationsgeschichte Bd. 29).