Südwestansicht der Telegraphenkaserne in der Hardtstraße 86 (heute Hertzstraße 16), 1908, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 456/1.

Telegraphenkaserne

Zum Oktober 1907 wurde das Telegraphen-Bataillon Nr. 4 sowie Rekruten gebildet und bezog sogleich das eigens für das Bataillon 1906/07 erbaute Kasernement in der Hardtstraße 86 (heute Hertzstraße 21). Im Osten grenzte die Telegraphenbataillonkaserne, wie die Kaserne anfangs genannt wurde, an den um 1820 entstandenen Exerzierplatz, südöstlich von ihr lag die Artilleriekaserne, die 1914-1916 bis auf ihre Höhe nach Westen erweitert wurde.

Der Reichsmilitärfiskus, der nach der mit Preußen abgeschlossenen Militärkonvention seit 1873 die Militärbaulasten trug, finanzierte den Bau der Telegraphenkaserne, für deren Entwurf die beiden am Karlsruher Militärbauamt tätigen Bauinspektoren Adolf Pfaff und Johannes Schettler verantwortlich zeichneten. Der Kasernenkomplex war um einen rechteckigen Exerzierplatz gruppiert und bestand aus einem Wachhaus, drei Mannschafts- und einem Offiziersgebäude (letzteres Gneisenaustraße 4, heute Hertzstraße 14, 14a), einem Kantinengebäude und Offizierskasino, zwei Kammergebäuden, einem Werkstättenbau sowie einem 128 Meter langem Stallgebäude, einem Pferdekrankenstall und einer Reithalle. Im Mittelbau war die Telegraphenschule untergebracht. Aufgabe des Telegraphen-Bataillons Nr. 4, das vier Kompanien (drei für Drahtbetrieb, eine für Funkbetrieb) und eine Bespannungsabteilung umfasste, war es, die für die Nachrichteneinheiten der Königlich-Preußischen Armeekorps XIII.-XVI. benötigten Offiziere und Mannschaften technisch auszubilden. Dazu gehörte vor allem die Unterweisung in Fernsprech- und Funkwesen und im Blinkdienst. Während des Ersten Weltkriegs von 1914-1918 unterstützten die Mitglieder des Bataillons verschiedene Einheiten der vier Armeekorps. Nach Kriegsende und der aufgrund der Bestimmunen des Versailler Vertrags erfolgten Entmilitarisierung des östlichen Rheingebiets wurde das Telegraphen-Bataillon Nr. 4 Anfang 1919 aufgelöst.

Zur Linderung der großen Wohnungsnot begann die Stadt Anfang der 1920-Jahre, Notwohnungen in dem geräumten Kasernenkomplex einzurichten. Zwischen 1921 und 1925 stieg die Zahl der Wohneinheiten von 56 auf über 190 an. Von 1923-1937 hatte die von der Mühlburger Pfarrei St. Peter und Paul 1923 abgezweigte Pfarrkuratie St. Konrad ihre "Notkirche" im ehemaligen Offizierskasino eingerichtet. Im selben Gebäude befand sich außerdem die Kleinkinderschule St. Konrad, die von den Niederbronner Schwestern (Provinzhaus Bühl) geführt wurde. Anlässlich des 25. Jahrestags der Bataillon-Gründung 1932 stifteten die ehemaligen Mitglieder des Telegraphen-Bataillons Nr. 4 für ihre im Ersten Weltkrieg gefallenen Kameraden ein Denkmal, das an der Ecke Hardt- und Gneisenaustraße aufgestellt wurde. Ab 1937 wurde der Kasernenkomplex wieder militärisch genutzt. Das Kaderpersonal des neuen Artillerie-Regiments 35 hatte 1936 die benachbarte Artilleriekaserne in der Moltkestraße 18-20 bezogen und bis zum Herbst 1937 Regimentsstab und drei Abteilungen aufgestellt. Das 3. Artillerie-Regiment 35 wurde in der Artilleriekaserne, das 2. Regiment in Rastatt und das zuletzt aufgestellte 1. Artillerie-Regiment 35 in der ehemaligen Telegraphenkaserne stationiert. Während dieser Zeit entstanden auch einige Neubauten auf dem Areal (u. a. eine zweite Reithalle), die sich in der einfacheren Bauweise vom ursprünglichen Kasernement abhoben. Ein Teil des im Oktober 1937 in Karlsruhe aufgestellten Pionier-Bataillons 35 wurde bis zur Fertigstellung der Rheinkaserne in Knielingen 1938 in den Stallgebäuden der Telegraphenkaserne notdürftig untergebracht.

Nach Kriegsende wurden die Kasernengebäude zunächst wieder für Notwohnungen sowie Kleinbetriebe genutzt, ab 1946/47 kamen Einrichtungen der Hochschule West (heute Westhochschule des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT)) hinzu, ab 1947/48 des Badischen Staatstechnikums, der Staatlichen Kunstakademie, der Firma Siemens & Halske und der Versuchsanstalt für Wasser-, Erd- und Grundbau (heute Bundesanstalt für Wasserbau) sowie ab 1949 die Badische Landesfachschule für Reiten und Fahren (heute Stiftung Reitinstitut Egon von Neindorff). Die ehemalige Kaserne ist Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz.

Katja Förster 2015

Quellen

Karlsruher Adressbücher 1907ff. https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/bestaende/adressbuecher.de (Zugriff am 23. Dezember 2020); Karlsruhe als Garnison. Festschrift zum Garnisontag 1956 und zur 2. Wiedersehensfeier der 35. Infanterie-Division in Karlsruhe am 29./30. September 1956, hrsg. vom Ausschuss für die Vorbereitung des Garnisontages 1956, Karlsruhe 1956, S. 64f., S. 80; Clemens Blank: Ehemalige Telegraphenkaserne: Heute Reitinstitut-Egon-von-Neindorff-Stiftung - Reithaus und Stallungen (http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/kulturdenkmale/denkmaltag_archiv/2009/neindorff_09.de (Zugriff am 12.Oktober 2015), Datenbank der Kulturdenkmale https://web1.karlsruhe.de/db/kulturdenkmale/detail.php?id=01809 (Zugriff am 3. November 2017).