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Nach dem Ende des <lex id="ereig-0074">Zweiten Weltkrieges</lex> und den Bestimmungen der Potsdamer Konferenz musste auch Karlsruhe viele Flüchtlinge und Vertriebene aufnehmen. Bis Mitte Oktober 1945 kamen 12.700 Zuwanderer, darunter waren nach damaligen Schätzungen 50 % Flüchtlinge aus den Ostgebieten des vormaligen Deutschen Reichs. Für diese Menschen hatte die Stadtverwaltung in der <lex id="ins-1429">Helmholtz-Schule</lex> ein Lager eingerichtet, in dem bis zu 1.000 Menschen untergebracht werden konnten. Auch 360 Donauschwaben aus Jugoslawien fanden zunächst notdürftig in der <lex id="ins-1655">Knielinger Kaserne</lex> Unterkunft. Weitere 1.429 Flüchtlinge aus Slawonien und Kroatien kamen mit einem Transportzug Anfang August nach Karlsruhe, wo sie ebenfalls in Knielingen untergebracht wurden. Dort befanden sich Anfang September 2.229 deutsche Flüchtlinge. |
Nach dem Ende des <lex id="ereig-0074">Zweiten Weltkrieges</lex> und den Bestimmungen der Potsdamer Konferenz musste auch Karlsruhe viele Flüchtlinge und Vertriebene aufnehmen. Bis Mitte Oktober 1945 kamen 12.700 Zuwanderer, darunter waren nach damaligen Schätzungen 50 % Flüchtlinge aus den Ostgebieten des vormaligen Deutschen Reichs. Für diese Menschen hatte die Stadtverwaltung in der <lex id="ins-1429">Helmholtz-Schule</lex> ein Lager eingerichtet, in dem bis zu 1.000 Menschen untergebracht werden konnten. Auch 360 Donauschwaben aus Jugoslawien fanden zunächst notdürftig in der <lex id="ins-1655">Knielinger Kaserne</lex> Unterkunft. Weitere 1.429 Flüchtlinge aus Slawonien und Kroatien kamen mit einem Transportzug Anfang August nach Karlsruhe, wo sie ebenfalls in Knielingen untergebracht wurden. Dort befanden sich Anfang September 2.229 deutsche Flüchtlinge. |
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Version vom 8. Januar 2025, 08:55 Uhr
Flüchtlinge und Heimatvertriebene
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und den Bestimmungen der Potsdamer Konferenz musste auch Karlsruhe viele Flüchtlinge und Vertriebene aufnehmen. Bis Mitte Oktober 1945 kamen 12.700 Zuwanderer, darunter waren nach damaligen Schätzungen 50 % Flüchtlinge aus den Ostgebieten des vormaligen Deutschen Reichs. Für diese Menschen hatte die Stadtverwaltung in der Helmholtz-Schule ein Lager eingerichtet, in dem bis zu 1.000 Menschen untergebracht werden konnten. Auch 360 Donauschwaben aus Jugoslawien fanden zunächst notdürftig in der Knielinger Kaserne Unterkunft. Weitere 1.429 Flüchtlinge aus Slawonien und Kroatien kamen mit einem Transportzug Anfang August nach Karlsruhe, wo sie ebenfalls in Knielingen untergebracht wurden. Dort befanden sich Anfang September 2.229 deutsche Flüchtlinge.
Erst 1946 trafen dann in dichter Folge die großen Flüchtlingstransporte in Karlsruhe ein. Die Stadtverwaltung erreichte die Freigabe der Artilleriekaserne in der Moltkestraße durch die amerikanische Militärverwaltung für die Einrichtung eines Durchgangslagers für Flüchtlinge. Die bisher hier wohnenden ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter wurden in die Mackensen-Kaserne umquartiert. Bereits Ende November 1945 war der Umbau der Kaserne, die sich in einem katastrophalen Zustand befunden hatte, vollendet, die als zentrales Flüchtlingsauffang- und -durchgangslager mit einer Aufnahmekapazität von 2.500 Menschen genutzt wurde, womit es das größte Lager in Nordbaden war. Für den Stadtkreis Karlsruhe war eine Aufnahmequote von 10 bis 15 % der Bevölkerung von 1939 vorgesehen, das heißt 19.000 bis 28.500 Menschen.
Von Februar bis November 1946 kamen 24 Transporte mit 20.580 Menschen in Karlsruhe an. Zur ersten Versorgung der Ankommenden wurde am Karlsruher Hauptbahnhof eine Verpflegungs- und Unterkunftsbaracke für 2.000 bis 3.000 Menschen eingerichtet. Die Bunkerräume unter den Bahnsteigen dienten als Schlafkammern. Auch der Luftschutzbunker im Dammerstock wurde als Notunterkunft eingerichtet. Größere Transporte wurden zum Westbahnhof geleitet, wo jeder Flüchtling zunächst einen Entlausungs- und Seuchenzug zu durchlaufen hatte. Anschließend wurden die Neuankömmlinge auf amerikanische Lastwagen verfrachtet und in das Durchgangslager in der Moltkestraße gebracht, wo sie Lagerausweise, Essensmarken, eine Erstausstattung mit Hausrat, welcher meist aus amerikanischen Spenden stammte, sowie Taschengeld erhielten, um im lagereigenen Laden einkaufen zu können.
Das Durchgangslager in der Artilleriekaserne blieb bis Ende 1947 in der Verwaltung durch die Stadt Karlsruhe, danach wurde es vom Land übernommen. Verbunden war damit auch eine teilweise Verlegung von der Artilleriekaserne in die Grenadierkaserne, weil der Raumbedarf des Städtischen Krankenhauses die Überlassung von Räumlichkeiten in der Artilleriekaserne erforderte. Für kurze Zeit mussten deshalb auch Zwischenlager in verschiedenen Gasthäusern unter anderem in Daxlanden eingerichtet werden.
Als 1951 die französische Armee die gesamte Anlage der Grenadierkaserne, die fortan "Quartier General Pagezy" hieß, beanspruchte, stand der Neubau eines Durchgangslagers des Landes an. Es wurde bei der Ruine des ehemaligen Schlosses und der späteren Kaserne Gottesaue an der Wolfartsweierer Straße errichtet und bot Platz für 900 Menschen. Bevor es aber im Frühjahr 1952 belegt werden konnte, mussten kurzfristig Zwischenlager in der Daxlander Appenmühle und auch außerhalb Karlsruhes eingerichtet werden. Die Einrichtung eines weiteren Lagers machte 1953 der Massenzustrom von Sowjetzonen-Flüchtlingen nach Westberlin notwendig. Die Stadtverwaltung hatte dafür bis August ein Gelände auf dem Durlacher Lerchenberg beschlagnahmt. Hier wurde die seit 1952 leerstehende Stadiongaststätte als Zwischenlager genutzt. Die Belegung des Lagers schwankte zwischen knapp unter 100 und der Vollbelegung mit 155 Personen.
Die Flüchtlinge kamen nicht in Zwischenlager, sondern konnten dank der vorbereitenden Arbeit der Flüchtlingsdienststelle und des Wohnungsamtes direkt in hierfür bereitgestellte Wohnräume eingewiesen werden. Wohnraum war angesichts der Kriegszerstörungen in Karlsruhe aber knapp, so dass auch Unterkünfte in Wirtschaftsgebäuden, Bunkern, Baracken, Wochenendhäusern und notdürftig hergerichtete Wohnungen mit mehr als sechs Quadratmetern als "wohnwürdig" galten. Oft wurde der Wohnraum auch nur nach amtlicher Beschlagnahme zur Verfügung gestellt. Bei besonders uneinsichtigen und unnachgiebigen Vermietern wirkte in der Regel die Androhung der Einweisung ins Flüchtlingslager, wo sie "einen kleinen Ausschnitt der Flüchtlingsnot" kennen lernen sollten. Die Wohnraumfrage wurde so zum zentralen und langanhaltenden Konfliktpotenzial zwischen Alt- und Neubürgern.
Darüber hinaus wurden auch Pläne zum Neubau von Flüchtlingswohnungen angefertigt. Das ging einher mit der von Alfred Behnle, dem für die Flüchtlingsunterbringung verantwortlichen Leiter des Ausgleichs- und Flüchtlingsamtes der Stadt Karlsruhe, 1947 initiierten Gründung der Neubürgersiedlung GmbH. So konnten bereits im Jahr 1947 68 eineinhalbstöckige Einfamilienhäuser mit Wohnküche, Bad und Garten am Klosterweg in der Oststadt errichtet werden, wodurch Karlsruhe in Württemberg-Baden, wenn nicht in ganz Deutschland eine Vorreiterrolle eingenommen hatte. Diese Häuser mussten jedoch, da mit schlechtestem Material und möglichst billig gebaut, in den 1980er-Jahren zum größten Teil wieder abgerissen werden.
Bis 1960 entstand, im Anschluss an die alte 1929 bis 1935 errichtete Kirchfeldsiedlung in dem 1975 eingemeindeten Stadtteil Neureut, eine neue Siedlung für Flüchlinge mit 296 Siedlerstellen und circa 4.000 Einwohnern, die vorwiegend von Donauschwaben und von Sudentendeutschen errichtet wurde. In dem 1971 eingemeindeten Stadtteil Hohenwettersbach waren 1946 250 Flüchtlinge aufgenommen worden, wodurch bei vorher 740 Einwohnern die Wohnraumversorgung ähnlich dramatisch war wie in der nahen Großstadt Karlsruhe.
Viele der ehemals in der Landwirtschaft beschäftigten Vertriebenen fanden bald Arbeit in der nach Mitarbeitern suchenden Industrie. Diejenigen, die im Öffentlichen Dienst eine Anstellung erhielten, zählten bald zur Mittel- und Oberschicht. Die einzige entsprechende Statistik für Karlsruhe aus dem Jahr 1949 vor Einführung der Gewerbefreiheit am 1. November deutet diese Entwicklung bereits an. In der Karlsruher Land- und Forstwirtschaft waren von den knapp 8.000 beschäftigten Neubürgern nur 385 tätig, mit 4.780 waren dagegen weit mehr als die Hälfte in der Industrie und im Handwerk beschäftigt. Im Bereich Handel und Verkehr hatten 1.313, im Sektor Öffentlicher und Privater Dienst 971 und im Häuslichen Dienst 538 Neubürger ein Einkommen gefunden. Insgesamt allerdings verlief die Integration der Neubürger in den Arbeitsmarkt mit einer zeitlichen Verzögerung gegenüber den Altbürgern. Die Arbeitslosigkeit war unter den Neubürgern bis mindestens in die Mitte der 1950er-Jahre deutlich höher.
Mit den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen kamen in wenigen Fällen auch ganze Betriebe, die ihren Standort nach Karlsruhe verlegten, so aus Stettin die Stahlbaufirma Gollnow und Söhne. Aus Berlin verlegte die Firma Siemens 1947 das Werner-Werk für Messtechnik nach Karlsruhe. Aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) kamen eine Textilfirma und die Arzneimittelfirma Willmar Schwabe. Besondere Beachtung verdient die Ansiedlung der Gablonzer-Industrie ab 1947.
Die Aufstiegs- und Leistungsorientierung vieler Vertriebener ist zudem ablesbar im Aufbau eigener Unternehmungen. Die Statistik weist für das Jahr 1961 insgesamt 1.170 Arbeitsstätten im Besitz von Vertriebenen auf mit 7.832 Beschäftigten, das macht einen Anteil von 9,8 % der Arbeitsstätten und 5,0 % der Beschäftigten in Karlsruhe aus. Damit leisteten sie einen nicht geringen Beitrag zum Wiederaufbau und "Wirtschaftswunder" in der Stadt.
Politisch organisierten sich Vertriebene in Nordbaden in der schon 1947 gegründeten "Interessengemeinschaft der ausgesiedelten Deutschen" (IDAD), die sich als landsmannschaftlich und politisch neutrale Interessenorganisation verstand. In Karlsruhe wurde die achte Ortsgruppe am 12. Juni 1948 gegründet, woran der Mitbegründer der IDAD, Karl Bartunek, der seit 1948 seinen Wohnsitz in Karlsruhe hatte, sicher maßgeblich beteiligt war. Da sich im Vorfeld der ersten Bundestagswahl abzeichnete, dass sich die Parteien der ausreichenden Aufnahme von Neubürgern auf ihren Wahllisten verschlossen, bildete sich in Württemberg-Baden die Notgemeinschaft der Flüchtlinge und Fliegergeschädigten. In Karlsruhe, wo die Notgemeinschaft – allerdings ohne Lizensierung - wie in den anderen Städten mit einem Kandidaten der Fliegergeschädigten antrat, erreichte sie 9,3 % bei einem Bevölkerungsanteil von 11 %. Auch nachträglich erhielt die Notgemeinschaft keine Lizenzierung. Nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes entstand als bundesweite politische Flüchtlingsvertretung der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten, der 1952 in Gesamtdeutscher Block/BHE umbenannt wurde. In Karlsruhe kam die Partei bei den Bundestagswahlen jedoch nie über die 5-Prozent-Hürde, ihr Anteil sank von 4 % 1953 auf 2,2 % 1961. Bei den Landtagswahlen hatte sie 1950 ihren höchsten Anteil von 10,4 %, 1952 schaffte sie mit guten 6 % noch die Hürde, um danach jedoch deutlich darunter zu liegen. Im Karlsruher Gemeinderat waren die Vertriebenen durch vier Gemeinderäte bei unterschiedlichen Parteien seit 1947 vertreten. Bei den Gemeinderatswahlen trat der BHE bzw. GB/BHE erstmals 1951 an und gewann mit 5,9 % einen Sitz. 1953 errang sie zwei Sitze mit 5,4 %, 1956 einen Sitz mit 3,8 %, 1959 drei Sitze mit 4,4 % und 1962 letztmals einen Sitz mit 3,2 %.
In Karlsruhe hatten sich 1948/49 die ersten Landsmannschaften gebildet, die seit 1958 im Kreisverband Karlsruhe zusammengeschlossen sind. 16 Landsmannschaften gehörten 2023 dem Verband in der Stadt an. Als Hauptziele der Landsmannschaften gelten die Pflege heimatlicher Traditionen, gegenseitige Hilfe sowie die Vertretung gemeinsamer Rechte und Interessen. Dazu diente weithin sichtbar der seit 1950 jährlich veranstaltete Tag der Heimat. In Karlsruhe wird er seit 1984 vom Haus der Heimat e. V. ausgerichtet. Diesem Verein stellte die Stadt 1987 in der Moltkestraße das Haus der Heimat als Mittelpunkt der kulturellen Aktivitäten der Vertriebenen zur Verfügung. Hier erhalten aber auch Spätaussiedler Unterstützung und Beratung. Zu den Merkzeichen der städtischen Kulturpolitik gehörte darüber hinaus lange das Karpatendeutsche Museum in der Karlsburg in Durlach, das nach langer Sammlungstätigkeit seit den 1960er-Jahren 1985 eröffnet, 2024 aber bis auf weiteres geschlossen wurde. Bereits 1957 hatte die Stadt die Patenschaft für die Karpatendeutsche Landsmannschaft übernommen.
Auch im Bereich des Schulwesens verlief die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen nicht ohne Probleme. Die ersten sechs Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kinder der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen unter 14 Jahren beliebig auf die Karlsruher Schulen verteilt, was zu einer restlosen Überfüllung vieler Klassen führte. 1952 wurden dann im neu erbauten Flüchtlingslager bei der Gottesauer Kaserne zusätzliche Unterrichtsräume bereitgestellt, in denen ab Juli 1952 zunächst zwei, dann drei Lehrer unterrichteten. Selbst zwei Jahre nach der Eröffnung fehlten aber immer noch grundsätzliche Lern- und Lehrmaterialien. Das Regierungspräsidium stimmte schließlich der Kostenübernahme zu. Das Bestehen der Schule bis 1960 verdeutlicht, wie lange die Eingliederung der Flüchtlings- und Aussiedlerkinder in die Regelschule dauerte und dass es bis zuletzt Kinder gab, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichten, um in eine Regelschule in Karlsruhe aufgenommen werden zu können. Das eigentliche Einleben, nämlich die innere Eingliederung der Kinder und Jugendlichen in die Aufnahmegesellschaft, war bis zu diesem Zeitpunkt freilich noch lange nicht abgeschlossen, aber ein wichtiger, erster Schritt in diese Richtung war getan.
Die Flüchtlingsverwaltung in Karlsruhe
Im Oktober 1946 erklärte sich die Stadt Karlsruhe mit der Errichtung einer Flüchtlingsberatungsstelle in der Artilleriekaserne, Moltkestraße 18 – 20, einverstanden, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Lauf der Jahre folgende Aufgaben wahrnahmen: Geldbeschaffung für den gesamten Lebensunterhalt der Flüchtlinge; Staatsangehörigkeitsfragen; Einwanderungsbestimmungen; Einrichtung von Durchgangslagern für Flüchtlinge; Aufenthalts- und Zuzugsrechte; Rückwanderungsmöglichkeiten; Übernahme heimatloser Ausländer; Verhinderung illegaler Zuwanderung; Fürsorge und Rentenansprüche; Ausstellung von Ausweisen; Beschlagnahmung von Wohnungen; Umsiedlung von Flüchtlingen innerhalb der Bundesrepublik; Regelungen mit der Deutschen Bahn wegen der Transporte von Flüchtlingen; Familienzusammenführung; Erbrecht. Erst im Juni 1948 entstand die städtische Flüchtlingsstelle, die dem damaligen Bürgermeister Emil Gutenkunst unterstand. Die Flüchtlingsstelle war zunächst in der Moltkestraße 12 und ab August 1948 in der Durlacher Allee 60 untergebracht.
Lastenausgleich
Ziel des Lastenausgleichs war es, die Verluste und Schäden des verlorenen Krieges gerechter und gleichmäßiger auf die Gesamtbevölkerung zu verteilen. Dies war schon 1948 im Zusammenhang mit der Währungsreform vorgesehen, da diese einseitig die Besitzer von Sachwerten begünstigte, denn das Eigentum an Grund und Boden, an Produktionsmitteln und Waren wurde von der Neuordnung des Geldwesens nicht betroffen. Es dauerte aber noch bis 1952 ehe die größten Härten der Währungsreform durch Gesetze ausgeglichen wurden.
Zunächst gab es das Gesetz zur Milderung drängender sozialer Notstände (Soforthilfegesetz), das vom Wirtschaftsrat am 24. Mai 1949 verabschiedet wurde und am 3. August 1949 die Zustimmung des Zweimächtekontrollamtes erhielt. Das Soforthilfegesetz war der Vorgänger des Lastenausgleichgesetzes (LAG). Am 15. Dezember 1949 wurde die Feststellungsbehörde für Kriegsschäden in das Amt für Soforthilfe eingegliedert und später zum Ausgleichsamt-Feststellungsamt umbenannt. Mit dem LAG vom 1. September 1952 wurde die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen, dass Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen neu in der Bundesrepublik beginnen konnten. Für den Zuständigkeitsbereich der Stadt Karlsruhe waren folgende Stellen tätig: Ausgleichsamt; Rathaus Durlach; die Gemeindesekretariate Beiertheim, Bulach-Weiherfeld, Daxlanden, Grünwinkel, Knielingen, Rüppurr, Hagsfeld und Rintheim. Das LAG bildete die rechtliche Grundlage für die Entschädigung von Vertriebenen und Flüchtlingen sowie der Kriegssachgeschädigten des Zweiten Weltkrieges. Damit die menschliche, soziale und wirtschaftliche Eingliederung von Millionen von Deutschen gelang, kann es als eines der bedeutendsten Gesetzeswerke der Nachkriegszeit bezeichnet werden. Mit dem LAG wurde auch die größte Umverteilung von Vermögen in der Geschichte der Bundesrepublik vorgenommen. Das unbestreitbare Verdienst des Lastenausgleichs liegt darin, dass er den Vertriebenen und Flüchtlingen sowie den Kriegssachgeschädigten das Gefühl gab, dass das Gemeinwesen Bundesrepublik Deutschland auf Solidarität baut. Der Lastenausgleich trug dazu bei, den Ausgleich zwischen den Besitzenden und den Heimatvertriebenen, Flüchtlingen sowie den einheimischen Kriegssachgeschädigten im Rahmen der wirtschaftlichen Möglichkeiten zu sichern und damit den sozialen Frieden auch in Karlsruhe wieder herzustellen.
Viele der Flüchtlinge und Vertriebenen haben die Stadt durch ihr Engagement politisch, wirtschaftlich und kulturell geprägt und hatten ebenfalls großen Anteil am Karlsruher "Wirtschaftswunder". Gemeinsam mit den Einheimischen bauten sie die kriegszerstörte Stadt wieder auf.
Karlsruher Wohnbevölkerung und Vertriebene/Flüchtlinge 1946 – 1960
| Stand zum 31.12. | Wohnbevölkerung | davon Vertriebene (in % der Wohnbevölkerung) |
|---|---|---|
| 1946 | 175.588 | 12.852 (7,32) |
| 1947 | 184.376 | 14.838 (8,05) |
| 1948 | 193.680 | 20.502 (10,59) |
| 1949 | 195.071 | 21.444 (10,99) |
| 1950 | 201.013 | 24.104 (11,99) |
| 1951 | 203.836 | 23.853 (11,70) |
| 1952 | 206.839 | 25.788 (12,47) |
| 1953 | 209.571 | 26.868 (12,82) |
| 1954 | 215.959 | 29.141 (13,49) |
| 1955 | 219.374 | 31.470 (14,35) |
| 1956 | 225.074 | 35.727 (15,87) |
| 1957 | 228.642 | 37.496 (16,40) |
| 1958 | 231.660 | 39.270 (16,95) |
| 1959 | 235.008 | 40.741 (17,32) |
| 1960 | 240.421 | 42.467 (17,66) |
Herkunftsgebiete der in Karlsruhe aufgenommenen Flüchtlinge und Vertriebenen Ende 1952
| CSR (Tschechoslowakei) | 12.060 |
| Ehem. deutsche Reichsgebiete östlich der Oder und Neiße | 7.230 |
| Jugoslawien | 2.376 |
| Polen | 1.859 |
| Ungarn | 942 |
| Österreich | 944 |
| Rumänien | 327 |
| Russland | 155 |
| Sonstige Länder | 2.271 |
Literatur
Manfred Koch: „Angekommen! Angenommen?“ Die Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen nach 1945, in: Manfred Koch/Sabine Liebig (Hrsg.): Migration und Integration in Karlsruhe, Karlsruhe 2010, S. 57-85 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 31).