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[[Datei:Ort-0132 Rüppurr 8 PBS XVI 1.jpg|alternativtext=Schloss und Dorf Rüppurr auf einer Panoramakarte des 16. Jahrhunderts (Ausschnitt), Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XVI 1.|links|mini|Schloss und Dorf Rüppurr auf einer Panoramakarte des 16. Jahrhunderts (Ausschnitt), Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XVI 1.]] |
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[[Datei:Ort-0132 Rüppurr GLA H-1 Nr. 911 Bild 1 (4-469055-1)(1).jpg|alternativtext=Rüppurrer Gemarkungsplan von 1866 (Ausschnitt), mit Einzeichnung des Straßendorfs und der ehemaligen Schlossanlage im Norden, östlich davon die Chemische Fabrik, Generallandesarchiv Karlsruhe H-1 Nr. 911.|links|mini|Rüppurrer Gemarkungsplan von 1866 (Ausschnitt), mit Einzeichnung des Straßendorfs und der ehemaligen Schlossanlage im Norden, östlich davon die Chemische Fabrik, Generallandesarchiv Karlsruhe H-1 Nr. 911.]] |
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[[Datei:Ort-0132 Rüppurr 8 BA Schlesiger A4 117 7 3.jpg|alternativtext=Lange Straße mit Blick zur Auferstehungskirche, 1957, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A4/117/7/3. |links|mini|Lange Straße mit Blick zur Auferstehungskirche, 1957, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A4/117/7/3. ]] |
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Der Ortsname Rüppurr wird 1103 in der Stiftungsurkunde für das pfälzische Kloster Hördt mit seinen auch rechtsrheinischen Besitzungen erstmals als "Rietburi" erwähnt. Andere frühe Namensformen lauten "Rietburen" oder "Ripur". Sie bedeuten Haus oder Burg im Ried oder Sumpf. Im daraus ausgebauten späteren <lex id="ort-0131">Schloss</lex> residierte das Adelsgeschlecht der Herren von Rüppurr. Sie waren Vasallen der mächtigen Grafen von Eberstein, die bei Baden-Baden ihr Stammschloss hatten. Später nannten sie sich Pfauen von Rüppurr und nahmen in markgräflich-badischen Diensten an zahlreichen Kriegszügen teil. |
Der Ortsname Rüppurr wird 1103 in der Stiftungsurkunde für das pfälzische Kloster Hördt mit seinen auch rechtsrheinischen Besitzungen erstmals als "Rietburi" erwähnt. Andere frühe Namensformen lauten "Rietburen" oder "Ripur". Sie bedeuten Haus oder Burg im Ried oder Sumpf. Im daraus ausgebauten späteren <lex id="ort-0131">Schloss</lex> residierte das Adelsgeschlecht der Herren von Rüppurr. Sie waren Vasallen der mächtigen Grafen von Eberstein, die bei Baden-Baden ihr Stammschloss hatten. Später nannten sie sich Pfauen von Rüppurr und nahmen in markgräflich-badischen Diensten an zahlreichen Kriegszügen teil. |
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Aktuelle Version vom 4. November 2025, 09:10 Uhr
Rüppurr
Der Ortsname Rüppurr wird 1103 in der Stiftungsurkunde für das pfälzische Kloster Hördt mit seinen auch rechtsrheinischen Besitzungen erstmals als "Rietburi" erwähnt. Andere frühe Namensformen lauten "Rietburen" oder "Ripur". Sie bedeuten Haus oder Burg im Ried oder Sumpf. Im daraus ausgebauten späteren Schloss residierte das Adelsgeschlecht der Herren von Rüppurr. Sie waren Vasallen der mächtigen Grafen von Eberstein, die bei Baden-Baden ihr Stammschloss hatten. Später nannten sie sich Pfauen von Rüppurr und nahmen in markgräflich-badischen Diensten an zahlreichen Kriegszügen teil.
Prominentester Vertreter der Familie, die 1782 im Mannesstamm erloschen ist, war Reinhard von Rüppurr, Bischof von Worms. Graf Heinrich von Eberstein schenkte seine Besitzungen in Rüppurr Mitte des 13. Jahrhunderts an das Kloster Herrenalb. Schon damals wurde zwischen einem oberen Dorf, das weiter südlich lag, und dem unteren Dorf, dem Schlossbereich im Norden, unterschieden. Mehr als 200 Jahre später ging Rüppurr durch Kauf an die im Schloss residierenden Junker über, die nun wirklich Herren des Ortes wurden und bis zum Ende des 16. Jahrhunderts auch die Gerichtsbarkeit im Dorf ausübten.
Wie das Dorf zu dieser Zeit ausgesehen hat, vermittelt eine Panoramakarte, die das Gebiet zwischen dem Rhein und Durlach/Ettlingen zeigt. Rüppurr Schloss und Dorf sind darauf schematisch eingezeichnet. Vor dem Schloss sieht man Pferde weiden, was auf eine schon damals ausgeübte Pferdezucht hinweist. Hinter dem Schloss sind die bereits im Mittelalter erwähnte Nikolauskirche und Stallbauten einer Schäferei zu erkennen. Im Hintergrund erstrecken sich die Häuser des eigentlichen Dorfes entlang der Alb an einer einzigen Straße, bei der es sich um die heutige Lange Straße handeln dürfte.
Rüppurr wurde vom 17. bis zum 18. Jahrhundert, vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Napoleonischen Kriegen immer wieder als Truppenlager genutzt, was zwar schwere Belastungen für die Bevölkerung mit sich brachte, aber das Dorf vor Zerstörungen rettete. Auch nach dem Erwerb der Gemeinde durch die Markgrafen von Baden blieb der bäuerliche Charakter des Ortes erhalten. Von 1777 bis 1787 ließ Markgraf Karl Friedrich die herrschaftlichen Besitzungen um das Schloss zu einem Mustergut ausbauen, das die Landwirtschaft in Rüppurr mit Hilfe eines neuartigen Bewässerungssystems zu einer gewissen Blüte brachte. Verschiedene industrielle Unternehmungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestanden nur kurze Zeit, lediglich die 1834 von Karlsruhe nach Rüppurr verlegte Chemische Fabrik von Otto Pauli konnte vielen Rüppurrern rund 80 Jahre lang Arbeit geben. In dem damals noch stark von der Landwirtschaft geprägten Dorf fand 1854 die letzte Hinrichtung im Großherzogtum Baden statt. Im Gewann Kleiner Schellenberg weit außerhalb der Ortsbebauung im Norden der Gemarkung musste der Bruder des Gemeinderechners hier mit dem Tode büßen, dass er wegen einer Erbschaftsstreitigkeit seine Schwägerin umgebracht hatte.
Die benachbarte Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe entwickelte sich seit dieser Zeit auch zur Industriestadt, und die Dorfbewohner strömten verstärkt zu den Arbeitsplätzen in die neuen Fabriken. Vor allem für sie wurde seit 1898 die Albtalbahn gebaut, die aber auch einen Entwicklungsschub für den Ort selbst erbrachte, da nun neue Wohngebiete im Ort erschlossen werden konnten.
Zunächst wuchsen das Dorf Rüppurr und der ehemalige Schlossbereich an der heutigen Rastatter Straße zusammen. 1907 wurde Rüppurr nach Karlsruhe eingemeindet. Die Eingemeindung bescherte Rüppurr die Anbindung an die städtische Infrastruktur mit Gas-, Strom- und Wasseranschluss sowie ein neues Schulhaus, die 1913 eröffnete Riedschule am Lützowplatz. Nun wollten auch bei den städtischen und staatlichen Behörden Beschäftigte dort im Grünen wohnen. Kurz nach der Eingemeindung wurde daher die zweite Gartenstadtkolonie in Deutschland nach Dresden-Hellerau errichtet. Die zentrale Platzanlage des Ostendorfplatzes wurde nach ihrem Architekten Friedrich Ostendorf benannt. Der Siedlungsbau wurde in Rüppurr zwischen den Weltkriegen im Gewann Göhren fortgesetzt, wobei sich der Leiter des städtischen Hochbauamts Friedrich Beichel noch am Landhausstil der Gartenstadt orientierte. 1931 bis 1933 wurde der große Gebäudekomplex der Evangelischen Diakonissenanstalt errichtet. Der Architekt Gisbert Freiherr Teuffel von Birkensee wandte sich in seiner Formelsprache nun der Neuen Sachlichkeit zu.
Die ebenfalls in den zwanziger Jahren errichtete Weiherfeldsiedlung auf ehemals Ettlinger Gemarkung und die berühmte, von Walter Gropius konzipierte Dammerstocksiedlung auf dem Gebiet des gleichfalls 1907 eingemeindeten Vororts Beiertheim gehören trotz ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nicht zu Rüppurr und werden heute zum Stadtbezirk Weiherfeld-Dammerstock zusammengefasst.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, dessen Zerstörungen durch Luftangriffe in Rüppurr zwar auch Opfer forderten, aber mit den Flächenbombardements in anderen Stadtteilen nicht vergleichbar waren, setzte der Siedlungsbau mit den geburtenstarken Jahrgängen und Zuzug von neuen Großstadtbewohnern erneut ein. Das Märchenviertel am Märchenring mit seinen nach Märchenfiguren benannten und vorwiegend mit Einfamilienhäusern bebauten Straßen entstand bereits seit den 1950er-Jahren. Am Rand der Gartenstadt wurden in dieser Zeit auch die Eichelgartenschule erbaut und die weitläufige Anlage des Max-Planck-Gymnasiums am Krokusweg mit einer Sternwarte errichtet. Wenig später ließ die Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah) südlich der Allmendstraße ein neues Siedlungsgebiet erschließen. Die Erbauung von Hoch- und Reihenhäusern zwischen Battstraße und Autobahn in den sechziger Jahren ging ebenfalls auf die initiative dieser Gesellschaft zurück. Die Baumgartensiedlung mit den von Paul Schütz konzipierten Flachbauten schloss sich 1965 an. 1971 wurde von der Architektengemeinschaft Sack, Zimmermann und Fritz mit dem Wohnstift Karlsruhe eine "Hotelstadt" für nicht mehr berufstätige Menschen im Norden von Rüppurr errichtet. Die mit Komfortwohnungen ausgestatteten Altersheime bilden seitdem einen markanten Blickpunkt. Ein ebensolcher wurde 1974 mit den Hochhausbauten an der Straße Am Rüppurrer Schloss geschaffen. Zuletzt entstand seit 1992/93 ein neuer Wohnpark am Seewiesenäckerweg.
Das ehemalige Bauern- und Arbeiterdorf zählt nach dieser enormen baulichen Entwicklung heute circa 11.000 Einwohner, nachdem es um 1800 erst 652 Personen waren. Unter der überwiegend evangelischen Bevölkerung zählte man damals nur zehn Katholiken. 100 Jahre später reichte der Platz in der kleinen Nikolauskirche für die immer größer werdende evangelische Gemeinde nicht mehr aus. Neben dem Friedhof an der Langen Straße wurde ein neues stattliches Gotteshaus, die Auferstehungskirche, in neubarockem Stil gebaut und 1908 in Gegenwart des Großherzogs geweiht. Dem patriotischen Geist der Zeit entsprechend schmücken die vom Glasmaler Hans Drinneberg gestalteten Fenster unter anderem Portraits von Bismarck und Kaiser Wilhelm I. Die nun freiwerdende Nikolauskirche kaufte die katholische Gemeinde, die damals schon 361 Mitglieder zählte. Nur knapp 30 Jahre später wurde an der Herrenalber Straße die Christkönigkirche errichtet, um die durch den Siedlungsbau in Rüppurr erneut größer gewordene Gemeinde aufnehmen zu können.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich die Rüppurrer in Vereinen organisiert. So geht der Sängerbund 1856 auf diese Zeit zurück. 1870 gründete sich die Freiwillige Feuerwehr und 1874 der Turn- und Sportverein, heute einer der sparten- und mitgliederstärksten Vereine von Rüppurr. Traditionsreiche Vereine sind auch der Rad- und Motorsportverein, die in der SG Rüppurr zusammengeschlossenen DJK, Fußballsportverein Alemannia und FG Rüppurr, der Musikverein Harmonie und der Tennisclub Rüppurr, die alle schon vor dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren. Dazu gehört auch die Bürgergemeinschaft Rüppurr, die seit der Zeit der Eingemeindung die Interessen des Stadtteils vertritt und ihr Vereinslokal im ehemaligen Schul- und Rathaus von Rüppurr hat. Ein Phänomen der Nachkriegszeit sind die zahlreichen Kleingartenvereine und der Westernclub Dakota, der bereits 1948 als Indianerverein gegründet wurde, aber heute eher die Westernromantik der Cowboys pflegt. Die Vereinsstätten mit ihren Vereinsgaststätten liegen rund um den alten Ortskern und die Siedlungen zumeist in den Grünflächen von Rüppurr. Von den ehemaligen Gasthäusern im alten Ortskern, die schon im 18. Jahrhundert erwähnt werden, sind noch das Lamm und die Krone, heute als Neubau unter dem Namen Kofflers Heuriger in der Langen Straße und der Grüne Baum, heute unter dem Namen Kühners Wirtshaus in der Rastatter Straße geöffnet. Dort findet auch das alljährliche Fest mit dem Stellen des Maibaums statt, das von den Rüppurrern unter Beteiligung zahlreicher Vereine vier Tage lang gefeiert wird. Städtebauliche Studien des Stadtplanungsamtes befassen sich derzeit mit einer Neuordnung der Sportflächen in der Straße Am Rüppurrer Schloss und der Bebauung des Festplatzes zwischen dem 1953 eröffneten Freibad Rüppurr und dem sogenannten Roten Haus (ehemals Meierei von Schloss Rüppurr).
Die in der Nachkriegszeit für den Autoverkehr vierspurig ausgebaute Herrenalber Straße wird derzeit saniert und zugunsten eines großzügigeren Radwegs zurückgebaut.
Quellen
KA-News vom 1. November 2020, https://www.ka-news.de/region/karlsruhe/karlsruhe-von-oben-spektakulaere-ausblicke-ueber-rueppurr-eine-bilderstrecke-art-2589615#google_vignette; Onlinemagazin Karlsruhepuls 2025: Rüppurr, Gartenstadt und andere Highlights, https://karlsruhepuls.de/rueppurr/; Datenbank der Karlsruher Kulturdenkmale: Rüppurr, https://web1.karlsruhe.de/db/kulturdenkmale/index.php?stadtteil=R%C3%BCppurr&vid=150 (Zugriff jeweils am 15. Oktober 2025).
Literatur
900 Jahre Rüppurr: Geschichte eines Karlsruher Stadtteils, hrsg. von der Bürgergemeinschaft Rüppurr. Mit Beiträgen von Hartmut Braun u. a., Karlsruhe 2003 (mit weiteren Quellen- und Literaturangaben); Schriftenreihe "Rüppurrer Hefte", hrsg. v. der Bürgergemeinschaft Rüppurr durch Günther Philipp, Bde. 1-9, 2004-2016, siehe auch https://rueppurr.de/die-geschichtswerkstatt/#:~:text=Die%20Geschichtswerkstatt%20R%C3%BCppurr%20(GWR)%20wurde,die%20Siedlung%20jedoch%20bereits%201103 (Zugriff am 15. Oktober 2025).